Der Mensch, der Schweinehund und das beschissene Tief

Es gibt da so eine Theorie. So eine X-Y-Theorie. Das ist eine Theorie, die sich mit dem Management und dem Führen von Menschen befasst, eine gängige Theorie wenn man Personalmanagementbücher mal anschaut. Diese X-Y-Theorie ist wie das Ying-und-Yang, denn sie besagt zwei Gegensätzliches.

Theorie X besagt, dass der Mensch grundsätzlich faul ist und Arbeit aus dem Weg geht. Weil er ja faul ist. Das Aus-dem-Weg-Gehen macht er auch gekonnt und schafft es jeder Verantwortung aus dem Weg zu gehen, wenn es da nicht die Menschen gäbe, die seine Arbeitskraft brauchen. Dafür motivieren, lenken, steuern und „führen“ sie diesen faulen Menschen, damit er doch irgendwie seinen Teil beisteuert. Das Motivieren und Lenken mag jedoch gelernt sein.

Theorie Y besagt, dass der Mensch engagiert ist und gerne seiner Arbeit nachgeht. In dieser findet er Erfüllung und ist durch die Arbeit an sich motiviert genug. Man bezeichnet das als „Leistungsbereitschaft“, die der Mensch nach dieser Theorie aufweist und durch die Arbeit holt er sich eine Zufriedenheit, die gesichert werden muss. Daher müssen Arbeitsstrukturen und der Arbeitsplatz sowie die interne Organisation angepasst, freier sein, damit es Raum zur Entwicklung und Entfaltung gibt.

So, zwei Menschen die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der eine faul, der andere motiviert. Der eine muss an die Hand genommen werden, dem anderen muss man Auslauf geben. Beide sind Teil der Wirtschaft, leisten ihren Teil und sind unentbehrlich. Aber kann man denn überhaupt den Menschen in zwei so grundlegende Kategorien unterteilen? Ist wie die Unterteilung in schön und hässlich, schwarz und weiß, dick und dünn – gibt es kein Mittelmaß?

Der Japaner sagt „Ja“ und spricht von der Theorie Z, also einer Theorie, die besagt, dass der Mensch mal so und mal so ist. Je nachdem um was es sich handelt, kann ein Mensch ein unglaubliches Maß an Motivation, Ehrgeiz und Begeisterung an der Arbeit entwickeln und genauso auch andersrum. Eine Kategorie Mensch? Ich muss doch schon sehr bitten. Es ist wie beim Internet: Es gibt keinen statischen Menschen und wenn, dann ist das nicht sehr gesund. In der Arbeit gibt es Dinge, die man gerne und weniger gerne macht. Jeder noch so motivierte und hysterisch begeisterte Workaholic wird Bestandteile in seiner alltäglichen Liste finden, die eben kein „Hurra“ auslösen, sondern eher ein „Ach, mensch“ verursachen. Es gibt Up und Downs, Phasen, die von Erfolg gekrönt sind und wiederum Phasen, in denen man sich lieber tot stellen möchte. Ist doch logisch, verdammt, als würden wir jeden Abend verzweifelt in Tränen ausbrechen nur weil die Sonne untergeht, obwohl wir wissen, dass sie am nächsten Tag wieder aufgeht. Das wär genauso theatralisch bescheuert.

Und unser Schweinehund – ja, jeder Mensch hat einen – ist eben auch so ein Mensch nach der Theorie Z. Ich meine, wer hat denn auch ständig Bock so ein Miesepeter zu sein und wirklich jeden Tag seinem „Kumpel“ (das sei mal der Mensch) negatives Geschwaffeln ins Ohr zu drücken, damit er nicht das macht, was ihm gut täte. Auch der Schweinehund hat seine Hochs und Tiefs.

Auch er hat manchmal einfach kein Bock nur nach der Theorie Y begeistert uns vom Laufen oder Schreiben oder Aufräumen oder Beantworten von Mails oder Besuchen von Fitnessstudios oder sonstigen tollen Dingen abzuhalten. Nicht immer findet der Schweinehund Erfüllung in seiner Arbeit, die darin besteht, uns weiß zu machen, dass dieses Grünzeugs doch viel zu anstrengend ist vorzubereiten und die Fertigpizza soviel einfacher wäre. Oder die vier Briefe doch viel zu viel Aufwand sind zu öffnen, zu bearbeiten und zu beantworten, sodass sie auf dem fast umfallenden Ablagestapel viel besser aufgehoben sind. Oder es sich doch eigentlich garnicht lohnt bei dem eigentlich fast schlechten Wetter die nur 7 Kilometer laufen zu wollen und das garnicht so toll ist, wie man denkt.

Manchmal will der innere Schweinehund nicht arbeiten und manchmal will er schon. Er ist eben „mal so und mal so“. Wie wir das auch sind. Nur manchmal gibt es da saublöde Situationen. Wenn beispielsweise wir gerade in einer miesen Phase sind und der Schweinehund gerade auch. Weil der Schweinehund aber dafür da ist, um uns vor uns selber zu schützen – ja, er meint es eigentlich gut – wird er durch unsere faule Phase an die Hand genommen, motiviert und gelenkt. Wir geben ihm dann quasi mit unserer „Alles blöd, alles schlecht, macht grad kein Spaß“-Stimmung genug Input, um als Schweinehund deluxe durch zu starten. Das ist natürlich ganz toll, befinden wir uns doch gerade in einer Down-Phase und durch den Schweinehund, der uns sicher daheim, geschützt vor Streß, Arbeit und Anstrengungen wissen will, schaffen wir es erst recht nicht Dinge umzusetzen, die uns aus dieser Down-Phase herauskatapultieren würden. Fuck. Da hocken wir nun. Der Schweinehund hat Freude an der Arbeit, wir verlieren die Freude an der Arbeit. Und an vielen anderen Dingen sowieso. Doppelfuck. Ganz zu schweigen davon sitzen wir nun in einem Teufelskreis fest, da unsere Lebensfaulheit endloser Zündstoff für unseren hochmotivierten Schweinehund ist. Noch mehr fuck.

Und nun wäre ein Herauskommen ganz toll. Ein Überwinden, ein Beseitigen, ein Eliminieren dieses Tiefs, das immer tiefer wird. Wer starke Motivatoren hat, diese sich im Laufe des Lebens gesichert, aufgebaut und bestätigt hat, der kommt da raus. Das können vollkommen unterschiedliche Dinge sein, die im Alltag sich so entwickeln – auch beruflich gesehen. Dass „mal“ etwas Gutes passiert, ist toll, aber nicht planbar. Auch nicht fest einzukalkulieren. Denn eine Beförderung, ein neuer Kunde, ein Gewinn, eine neue Bekanntschaft oder sogar Verliebtschaft, ein neues Lieblingsbuch, ein Urlaub und viel mehr sind teilweise irre schwer zu planen – wer das kann, der herrscht über das Schicksal – und je nach Dauer des nun anherrschenden Tiefs eventuell nicht mehr vollkommen effektiv. Man buttert sich ja begeistert in das Faulheitstief, das emotionslose Loch, mithilfe des Schweinehunds munter hinein, sodass manche helfende Hände nicht mehr hinunterreichen. Man sieht sie, kommt aber einfach nicht mehr ran. Manchmal hat man Glück und mit einem mutigen Sprung nach oben erwischt man eine der Hände, aber nicht jeder hat Monstersprungkraft. Außerdem ist der Schweinehund eben total hochmotiviert an seiner Arbeit dran und will uns von dem Herauskommen abhalten. Nett gemeint, aber in dem Moment ist er ein Hurensohn.

Es muss also ein Mega-Motivator her. Eine Leiter. Ein Rettungshelikopter mit Strickleiter. Ein Rettungstrupp. Ein Super-Beamstrahl. Und das sind planbare, sichere und unausweichliche Motivatoren. Wie das typische „Glas voller Glück“: Alle Dinge, die einem gut tun und einen glücklich machen können, werden auf kleine Zettel geschrieben. Diese werden gefaltet und in ein großes verschraubbares Glas getan – am besten noch mit Glitzersternen drin und Smarties und Kram. Wenn man dann merkt, dass man gerade in so einem Tief hockt, dann holt man sich einen, zwei oder drei Zettel raus und macht das, was darauf steht. Ohne Widerspruch. Es bist ja auch du selber, der dir sagt was zu tun ist – nur aus einer anderen Zeit.

Oder auch der Brief von dir an dich. Schreib dich fertig, mach dich nieder, schreib alles, brüll dich schriftlich an, nur sag dir selbst, dass du. jetzt. sofort. das. oder das. machen. sollst. Das geht auch in Videoformat. Niemand „anderes“ sagt dir was du tun sollst, du höchstpersönlich sagst es dir selber und dein Schweinehund wird rumzicken. Das spürt man. Entwickle einen Notfall-Essensplan mit super Essen, das dich aber zum Einkaufen oder ins Restaurant raus prügelt. Finde ein paar Menschen, die dich packen, ins Auto hieven und mit dir in die Berge fahren. Pack‘ deine Badetasche und verbringe einen Tag in der Therme. Kauf deine Buchhandlung leer oder verbringe einen Tag in der Bibliothek. Sag Dinge ab, die dich belasten und dich mit Verantwortung überrollen. Geh ins Kino, in die Oper, singe laut bei Musikstücken mit, lass dich volllaufen, tanze bis in die Morgenstunden, backe 85 Muffins, rufe eine Freundin an und heule, putze die Wohnung, mache einen Serien-Marathon oder setz dich in den Zug und fahr einfach los…

Dein fauler innerer Schweinehund, der für dich das Loch noch tiefer buddelt, dich festhält und ganz in seiner Arbeit aufgeht, der wird das nicht mögen. Der wird seinen Motivator verlieren: deine negative Stimmung. Das macht deinem Schweinehund die arbeit sauschwer und irgendwann wechselt er in die „Alles scheiße“-Phase und du kommst mit einem großen Schritt aus dem Tief. Wenn man in der Phase der Theorie X feststeckt, dann sollte man ihr mit dem Verhalten der Theorie Y begegnen, falls man aus dieser Phase alsbald kommen möchte. Manchmal ist es ganz schön nichts zu tun, zu jammern und den Regentropfen auf dem Fenster zuzusehen. Aber irgendwann ist es auch mal gut und das Leben will wieder voll nach den eigenen Fähigkeiten und Dimensionen ausgekostet werden. Theorie Z ist einfach wie das Leben, der Mensch so ist: „mal so und mal so“. Ändern kann man es nicht, nur sich damit abfinden und das beste daraus machen. Und das machen verdammt viele Leute, mal geht es leichter und mal schwerer. Mal schafft man das alleine und mal braucht man Hilfe. Mal geht man unter strahlenden Sonnenschein und mal mit Regenschirm im Regen. Aber was soll’s, das Leben wär‘ doch irre langweilig, wenn’s nicht „mal so und mal so“ wär‘, oder?

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