Wahnsinn des Radalltags 3: Autos und Autofahrer

Der natürliche Todfeind des Radfahrers ist nicht der rutschige Gullideckel, vereiste Radwege, DHL-Fahrzeuge oder überambitionierte Radkollegen. Nein, es ist das, was einem Radfahrer nicht nur schnell Schmerz bereiten kann sondern auch im traurigsten Falle den Tod für den helmtragenden Drahteselbesitzer herbeiführt: das Auto.

Der Autofahrer von heute ist wie der stark ambitionierte, Ampeln und Handzeichen ignorierende Radfahrer – siehe hier – nur, dass er in einer Blechkarosserie sitzt, die alle Vorteile der Masse, Größe, Sicherheit, Geschwindigkeit für sich behaupten kann. Anders als bei einer Kollision von Auto und Auto diskutiert man bei Auto und Radfahrer nicht hitzig über Dellen oder Kratzer, sondern ob das jetzt gebrochen ist oder man lieber gleich einen Helikopter ruft, um eventuell doch noch das Leben zu retten.

Aber offenbar ist einem Autofahrer das egal. Für ihn ist Kratzer am Kotflügel genauso schlimm wie ein Kratzer an den inneren Organen und andersrum. Das Recht ist nun mal das Recht. Und wenn er als Autofahrer einem Radfahrer, der beispielsweise ignorant und dämlich bei Rot über die Ampel fährt oder sich rechts an den stehenden Fahrzeugen etwa vorbei mogelt eben erklären muss, wie man sich zu verhalten hat als Radfahrer, dann kann da halt auch Blut fließen. Blut geht übrigens recht gut wieder weg von seinem blitzenden Luftverpester, weniger gut aus der Radfahrjacke und noch schlechter ist das Blut von den Händen des Autofahrers zu wischen. Das bleibt, für immer. Und hinterlässt Spuren.

Manche Autofahrer haben auch die Ansicht, dass der Radfahrer untergeordnet ist. Also in der Ernährungskette des Verkehrswahnsinn des Alltags ganz ganz unten. Ganz oben ist der Porsche Schajenne und der Maserati Leopoldstraße. Dann folgt das normale Auto, ein glänzendes Vorbild an Fortbewegungsmittel. Danach Frau mit Kinderwagen, Fußgänger, Inlineskater, zitternder Chihuahua, herbstlich wehende Blätter und dann irgendwann der Radfahrer. Denn dieser hat anzuhalten. Auch bei rechts vor links. Dieser hat Platz zu machen, wenn er in einer schmalen Straße fährt und aufgrund des Abstands zu den parkenden Autos links und rechts eventuell es sogar wagt mittig zu fahren, sodass kein Auto vorbei kommt. Dieser Radfahrer hat bei Grün zwar die Möglichkeit die Straße zu überqueren, aber wenn man als Autofahrer dringend nach Hause muss um Gehirnmalträtierung auf RTLII anzusabbern und man daher bei Dunkelrot mit 80 Sachen über die Ampel prescht, dann hat der Radfahrer verdammt noch mal Rücksicht zu nehmen.

Einfahrten. Ausfahrten. Gefährlich, vor allem wenn sie Radwege kreuzen. Am Sendlinger Tor in München zweigt ein rot markierter Radweg nach rechts ab, um das Abbiegen zu ermöglichen. Zweimal wurde ich dabei einfach fast umgemäht – die Vorsicht hab ich mir bereits angeeignet. Der panische Blick der Autofahrer, als sie realisieren, dass sie wirklich nicht in den Spiegel geschaut haben und ein Unfall 2cm entfernt war, zeigt die Abwesenheit vieler Autofahrer im Jetzt. Handy hier, Kinder da, Gespräche dort, tagtägliches Pendeln stumpft ab, Müdigkeit, Kaffee verschüttet, schlechtes Wetter… alles Möglichkeiten, dass der Autofahrer einmal nicht aufpasst. Aber wir Radfahrer, wir müssen aufpassen. Ständig. Weil wir ständig den Kürzeren ziehen. Auch wenn wir im Recht wären. Zusätzlich sagt der Verstand, dass ein Unfall, nur um Recht zu behalten, mehr als gequirrlte Scheiße ist. Wer spielt denn schon mit dem eigenen Leben?

Der Radfahrer muss auch Sicherheitsabstand von 1,5 Metern bei geparkten Autos zollen. Wie sonst soll man als Blechlawinenerzeuger spontan die Autotür ignorant nach außen aufschlagen, als wäre man der König von Buxtehude? Und sollte da ein Radfahrer mit 15kmh in die Tür reinbrettern, sich die Nase zersäbbeln und Blut spuckend auf dem Asphalt liegen, dann ist es seine Schuld. Pass halt auf.

Öko-Tanten, Hipster-Deppen, Sportfanatiker, Aggro-Radler, Kamikazekettenküssen… Namen von Autofahrern für Radfahrer. Von „Nur weil du zu arm bist dir ein Auto zu leisten“ zu „Cool, so nimmst du endlich mal ab und sparst auch noch Geld“ bis hin zu „Ein Auto mehr oder weniger verstopft die Stadt doch nicht – die Umwelt is‘ doch eh im Arsch“. Die Industrie ist groß, die Autos noch größer und die Egos der Autofahrer umfassen diese und viele weitere Galaxien. Weil ihr Hirn wohl noch nie gelüftet wurde, der gesunde Dopamin-Serotonin-Ausstoß der körperlichen Bewegung noch nie die Aggressionen der gestressten Welt minimiert hat und die Realität sicher auf der dumpfen Außenseite des Autos wie ein VR-Video vorbeizieht, verstehen Autofahrer das wichtigste nicht. Oder erst dann, wenn es zu spät ist:

Wenn Autofahrer unbedingt zeigen wollen, wer der Stärkere ist oder wer im Recht ist, dann kann das Auto eventuell etwas Lack verlieren. Der Radfahrer kann aber eventuell sein Leben verlieren. Und das bleibt an dem Autofahrer hängen. Für immer.

Mein aufrichtiges Beileid an U. zum Verlust ihres Vaters bei Landsberg am Lech. „Ein Autofahrer übersah den Mann auf dem Radweg bei Seestall. Es kam zum tödlichen Zusammenstoß.“

>>> Und weil sich der klassische Wutbürger aka „Boah, wieder so ein verallgemeinernder Artikel über Autofahrer vs. Radfahrer“-Kommentator nicht die Mühe macht auf Links im Text zu klicken, aber jammern kann par excellence will ich mal hier klarstellen:
Ja, ich verallgemeinere total und alle Autofahrer sind immer total daneben. Und ja, auch alle Radfahrer sind immer total daneben siehe –  Teil 1 und Teil 2. Wir sind alle total daneben. Immer. Außer meine Nussschnecken.

3 Antworten zu “Wahnsinn des Radalltags 3: Autos und Autofahrer

  1. „oder sich rechts an den stehenden Fahrzeugen etwa vorbei mogelt “
    das ist nicht mogeln sondern so in der stvo verbrieft

    • Sich vorbei mogeln im Sinne von Autofahrern – hatte diesbezüglich schon mal das ein oder andere „Gespräch“ aka „Ey, du kannst auch mal warten“-Ruf aus dem Fenster.
      Nicht so einfach, manchmal 🙂

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