Ein Halbmarathon ohne Training? Ich hab’s mal ausprobiert

Wenn man, aus unerfindlichen Gründen heraus, sich entscheidet einen Halbmarathon ohne nennenswertes Training zu laufen, dann gehört dieser Lauf der Kategorie „Was passiert, wenn ich den Verstand verliere“ an. Nicht nennenswertes Training umfasst „Laufen, weil ich die S-Bahn erwischen muss“, „5km Läufe, bei denen die Pausen länger als die Laufzeit selbst ist“ und auch „Anfälle von Laufeinheiten, in denen alles so ist wie früher“. Kurzum: einmal alle zwei Wochen 5km Laufen ist kein Training für den Halbmarathon. Und ich kann es niemanden empfehlen aus Jux und Tollerei ohne nennenswerte Lauferfahrung die 21,6km in Angriff zu nehmen.

Ich hatte Lauferfahrung. Etwas her, aber immerhin kann ich gewisse Distanzen durchlaufen und weiß, wie der Kopf bei einem Lauf den Ausgang entscheidet – nicht die Beine. Und wenn diese dann doch über ein DNF entscheiden, dann fehlt entweder ein Bein oder es zuckt unaufhörlich unkontrolliert dank seltsam mutierender Krämpfe.

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Aber wie ist ein Halbmarathon denn so, wenn man weder darauf trainiert hat noch läuferisch in den letzten Monaten aktiv tätig war? So.

21,6km laufen? Das kann ich. Konnte ich doch schon früher und warum jetzt nicht. Für 10km ist die Leidensbereitschaft nicht da, aber für so einen Halbmarathon ist es wieder an der Zeit. Außerdem sind‘s doch nur 4 mal 5km. Genau. Und die Verpflegungsstände sind an allen 5km Etappen. Das schaff ich, Laufen ist doch so einfach. Vielleicht knacke ich ja meine Bestzeit vom Tegernseelauf? Jahahaha, das wird ein Kinderspiel.

Okay. Es ist schon sehr lang. Der letzte 5km Lauf war ja schon irgendwie eine Art Tortur für mich. Ein seltsam schweres wabbelndes Ding, das in der Vorstellung über den Asphalt fliegt und in Echt die Füße nur 10cm über den Boden heben kann, um trippelnd vorwärts zu gelangen. Nun gut, eine Grazie war ich noch nie und werde dies dann auch nicht beim Laufen sein können. Aber es wird sicherlich anstrengend und schwer, aber ich beiß mich einfach durch. Einfach in Etappen denken und weiterlaufen. Was kann denn schon passieren.

Etwas nervös bin ich jetzt schon, diese Halsschmerzen und Kopfschmerzen helfen sicherlich nicht, dass ich morgen den Halbmarathon rocke. Okay, wem mache ich etwas vor, ich habe noch nie einen Lauf gerockt. Noch nie. Die Chancen irgendwas zu rocken, von einem Flogging Molly Konzert mal abgesehen, waren definitiv um einiges realer, als ich noch täglich lief. Ich dröhn mich jetzt einfach mit Neo-anging, Sinupret und Grippostadt zu. Zurückziehen werde ich meinen nicht vorhandenen Schwanz jetzt nicht, ich zieh das durch, ich kann das. Ich will wieder mal etwas schaffen!

Frische kühle Luft, Run Munich Run ist zuversichtlich, dass sie heute in der 5:50er Pace die Strecke durch den englischen Garten schaffen und ich habe das Gefühl das erste Mal richtig zu laufen. Die Vorstellung, wie so eine längere Distanz ist, liegt völlig aus meinem Wahrnehmungsfeld. Bin ich auf Drogen? Reagiere ich auf eine Überdosis Neo-angin mit halluzinativen pinken Traumland Wahnvorstellungen? Habe ich mein Schmerzempfindungsniveau durch Liter von Salbeitee auf zweiter Weltkrieg Niveau Akzeptanz Level gesenkt? Fragen über Fragen und dann laufen wir auch schon los.

Ach, das ist angenehm, ich kann das Tempo ja gut halten. 5:55 haben wir auf meiner Garmin-Uhr und die orangene Lemminge-Masse an „Ich brauch ein neues Ziel im Leben“-Läufern strebt durch den Hofgarten in Richtung Englischer Garten. Grün grün grün sind alle meine Kleider – leider nicht, das oragne-weiße Shirt wird langsam zum Sinnbild einer organisierten langweiligen Durchschreitung im Lauftempo des Münchner Englischen Gartens. Aber schön ist‘s schon denke ich immer wieder während mir die Schweißperlen Arme und Gesicht hinterströmen. Gefühlt schwitze ich meine Erkältung aus, gedanklich schwitze ich in Panik ob der Vorstellung noch weitere 16km laufen zu müssen.

Etappen-Denken. Etappen-Denken. Etappen-Denk… oh toll, ich spüre die Blasenbildung und könnte fluchen. Liegt es an der Einlagesohle dank derer sich keine Blasen überhaupt bilden dürften? Liegt es an meinem leicht schlürfenden, Knie minimal abwinkelnden Laufverhalten? Ich merke Blasen und merke, dass ich das Tempo nicht halten kann und möchte. Und darf, sonst wird das nichts. Ich trabe also vor mich hin. Wer überholt denn da, die läuft ja nur auf dem Vorderfuß – aber nicht stilvoll sondern eher stillos. Durch gelgentliche Schweißbestien, die mich überholen und Fahnen männlichen Geruchs hinter sich herziehen werde ich immer wieder wach oder abrupt in die Realität gerissen.

Wo sind wir? Der Nordteil des englischen Gartens ist mir etwas fremd und die hellen kiesigen Wege führen gefühlt sinn- und orientierungslos durch das gleich wirkende Grün während sich die Schlang der trottenden und mit sich kämpfenden orangen Rittern hindurch wälzt.

Ich möchte gehen. So gerne gehen. Ich spüre links und rechts nur Schmerzen. Nachdem sich die Blase links öffnet spüre ich die Haut über die wunde Stelle schaben. Die Blase im mittleren Fußbereich hält sich in Grenzen, aber jeder Schritt tut weh. Es pulsiert und ich möchte eigentlich gerne die Schuhe ausziehen, auf die sonnige Wiese gehen und mich da hinlegen. Ich kämpfe mit mir und stelle eins klar: Gegangen oder pausiert wird nur bei den Verpflegungsstellen.

Warum bin ich nur stehen geblieben? Warum? Warum?! Das in-Gang-setzen der müden Glieder lässt fast ein Knirschen erklingen, die Blasen reiben an Socke, Schuh und wunder Haut, die seitlichen Oberschenkel möchten bei jedem Belasten einfach nur „Hitzefrei!“ brüllen und aufhören zu funktionieren. Ich pack das nicht. Das tut zu weh. Musik an, Kopfhörer in die Ohren. System of a Down brüllt mir irgendwas von „Banana Terracotta pie“ ins Ohr und ich versenke mich in meine Welt.

Geht nicht. Zwischen Kilometer 14 und 19 muss ich viermal gehen. Die Blasenschmerzen sind auf dem Niveau „Hey, eigentlich ist alles fein… was, ich hab Füße??“ angekommen und harter Beat prügelt mich weiter. Während mein rechter Arm prickelt und die Finger taub werden, wechsel ich vom „Sowas wie Laufen“ zu „Humpeln“ und dehne den rechten Schulterbereich, um das Gefühl wieder zu bekommen. Die anderen Pausen haben mit Seitenstechen zu tun. Und eine hat mit Sinnlosigkeit zu tun, die ich mittlerweile empfinde und mich frage, ob ich denn wirklich zum Laufen gemacht bin. Mit so einer körperlichen Verfassung und solch beschissenen Blasenproblemen trotz Einlagen und solch nicht vorhandenen Muskelpartien bin ich wohl weniger der Läufer. Aber der Radler? Wohl auch nicht, sonst wäre meine Kondition eine andere und ich würde nicht wirken wie ein Kranker, der sich aus dem Sterbebett erhoben hat, um die letzten Kilometer seines Lebens zu gehen.

Lauf Kirsche, lauf. Lauf und lauf und lauf. Guch da, die Stadt. Und da, der Odeonsplatz. Erhöh die Trittfrequenz Fätti, mach dass du ins Ziel kommst.

Ziel. Ich. Ziel. Schuhe aus. Ziel. Wer trägt mich jetzt heim?

All das kann durch den Kopf gehen, muss aber natürlich nicht – jeder ist anders. Jeder denkt mehr oder weniger oder nie – letzteres fände ich aber etwas bedenklich und ich hoffe, dass er/sie keinen einflussreichen Job hat. Die Menschen, dessen Job das Verarzten von uns Läufern ist, machen einen ganz netten Job beim Verbinden meiner Füße bzw. Nicht-Verbinden meiner Füße. Bissl Spray, bissl Pflaster hinlegen und ich kleb die Wunden zu. So komme ich nach Hause und krieche etwas angeschlagen heim. Verzweifle bei den Treppen und spüre solche Schmerzen im unteren Rücken, dass ich nicht weiß, wie ich mich bücken soll. Ich foltere mich noch liebevoll mit der Blackroll, da alles dicht und zu und verspannt und verkrampft ist,  und gönne meiner wiederkehrenden verstopften Nase und meinem verkrampften müden Körper eine Badewanne. Den Halbmarathon geschafft. Und trotzdem denke ich mir: War das jetzt ein schönes Event, waren das schöne Momente, waren das einzigartige Aussichten, Erlebnisse oder Anstrengungen? Ich sag Nö, zwar bin ich ein bisschen stolz so eine Distanz mal wieder gelaufen zu sein, aber ich finde, das kann jeder – in 2,5 Stunden. Ich erwarte mehr von mir und ich hätte mir mehr sportliche Verfassung gewünscht. Ich glaube, ich hätte bei einem Trailrun mehr gelitten – aber mehr Spaß gehabt. Mehr gesehen. Und deswegen freue ich mich auf den Karwendelmarsch, denn auch wenn dieser verdammt anstrengend wird, ist es ein Erlebnis, das mir niemand mehr nehmen kann. Ein Erlebnis voller Berge, Kuhglocken, Duft von Harz, Bergblumen am Hang, lustigen Tirolern die Brotzeit verteilen, langen Downhills, anstrengenden Uphills und ein bissl Obstler gen Ende.

15 Antworten zu “Ein Halbmarathon ohne Training? Ich hab’s mal ausprobiert

    • Danke dir – überstanden ist sicherlich das richtige Wort. Aber auch gut zu sehen, dass ich noch ungefähr 21 Kilometer durchhalte – ohne Berge und schöne Downhills 🙂

  1. Ein wirklich gelungener Post, dessen Gedankenwindungen mir nicht gänzlich unbekannt sind 😉
    Ich bin auch 2012 meinen ersten HM komplett unvorbereitet gelaufen. Und abgesehen von System of a Down (war bei mir Offspring) war alles so ziemlich ident.
    Ich freu mich schon auf einen Bericht vom Karwendelmarsch 🙂 Ich werd vom Achenseelauf berichten 😉

    • Hehehe, ich denke vielen sind diese inneren Kämpfe oder Gedanken vertraut. Und Offspring ist auch eine sehr gute Musikwahl 🙂
      Ui, der Achenseelauf? Toll, klingt absolut traumhaft – wie lang ist der? Ich drück dir feste die Daumen, dass er super wird!

    • Ich habe oft Blasen, aber sehr sehr selten mit den Einlagen. Weiß nicht woran das lag, bin ja auch länger nicht mehr gelaufen – vllt. brauch ich die nicht mehr so? Vielleicht brauch ich andere? Hmmmm.

  2. Oh je, Kirsche. Was hast du dir da nur angetan?! Klingt ein bisschen wie mein HM letztes Jahr, nur dass ich da trainiert hab wie blöd und das Kopfkino mir dennoch einen Streich gespielt hat. Blasen gab’s keine, dafür Rücken und Krämpfe ohne Ende. Manchmal wär’s wohl besser, wenn man es lässt. Aber trotzdem, Hut ab! Du hast das Ding gerockt, eben auf deine Weise. Wie sagt man so schön? Hinterher ist man immer schlauer. 😉

    • Gerockt – nun ja. Geschafft und es ist gut so, das Wissen, dass ich für einen HM mehr laufen müsste hatte ich vorher schon auch – nur eben nicht so… real 😀 Manchmal gibt es miese Tage, wie eben bei deinem HM, das ist dann einfach fies. Aber wann steht der nächste Lauf bei dir an?

      • Eigentlich wollt ich dieses Jahr noch nen HM laufen, aber das mach ich abhängig vom Heiungsprozess bzw. Nichtheilungsprozess meiner Probleme, die ich seit dem HM im Po/Oberschenkel habe. Krieg sie nicht mehr los. Nach den letzten beiden Laufwochenenden ist erstnal nur der Tegernsee 10er angedacht, vom Rest lasse ich mich überraschen. Hast du schon Pläne?

  3. Hi – oh je das war wohl eine Qual und umso beeindruckender das Du es durchgedrückt hast!

    Trotzdem Bravo zum Finish! Und es wird auch wieder aufwärts gehen!

    LG Sabrina

    • Ja, irgendwann trainier ich auch mal wieder 🙂 Oder laufe einfach. Aber auf jeden Fall danke, auf das Durchziehen bin ich schon etwas stolz! und bin mir sicher, dass es bei einem nächsten Lauf mindestens 100% besser geht 🙂

  4. Auf das Durchziehen und Finishen kannst du auch stolz sein! Auch wenn sich das nicht so liest, als ob du von Anfang bis Ende wirklich Spaß bei der Sache hattest – sich quälen zu können und so etwas zu Ende zu bringen hat was, und das kann längst nicht jeder.

    … und aus der Sicht eines Dritten liest sich der Artikel auf jeden Fall sehr gut 🙂

  5. Super Artikel!! 🙂 Weiter so, und ich hoffe dass ich Sonntag besser übersteh… Hab gestern erfahren dass an unserem länger geplanten Wien Wochenendtrip ein HM stattfindet, kann man mal machen 😉
    LG

  6. Hey, bisschen spät, aber ich hab den Artikel eben erst gelesen 😉 Ich hab mal einen Strongmanrun mit ähnlicher Vorbereitung mitgemacht – kann man mal machen. Muss man aber nicht unbedingt 😉 Wenn so ein Text dabei rauskommt, dann hat es sich auf jeden Fall gelohnt.

    VG nach München!

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