„Cyclist’s High“: Ein Stückchen der Rad-Liebe

Wie es beim Radfahren heißt, weiß ich nicht. Kann ich nicht raten, nur neu benennen, neue Namen dafür basteln. Aber dafür fehlt mir das Talent Gefühlen Namen zu geben, die auch alle andere verstehen. Wer läuft, der kennt das Runner’s High. Wer läuft, kennt auch das Gefühl einfach die Bewegung zu vergessen, als selbstverständlich anzunehmen und das erste Mal komplett frei zu denken. Cyclist’s High. Oder einfach der Moment, in dem man los lassen kann.

Man denkt, es ginge doch nicht. Dieses Loslassen und Abschalten würde am Ende der Fahnenstange oder der Straße sicherlich mit einem mehr oder weniger spektakulären Sturz enden. Das wäre „In Gedanken woanders“. Das ist man aber nicht. Man ist so vollkommen und total im Jetzt, dass allein der Gedanke an dieses Gefühl die Lust los tritt jetzt und sofort sich auf’s Fahrrad schwingen zu müssen. Die Laufschuhe schnüren zu müssen. Verbindet man das mit dem vertrauten und heimeligen Gefühl sich einzuklicken, dann versteht vielleicht der ein oder andere, warum man Rad fährt. Warum man draußen ist.

Es ist unmöglich den Moment nachzustellen. Moment, was sag ich! Oftmals geht das länger, fühlt sich unendlich an und im Kopf durchlebt man Gedankenstunden, die eine so befreiende Wirkung haben können, dass das Lächeln beim Zuhauseankommen nicht nur dem Fahrtwind, den müden Beinen, den neuen Sommersprossen und den Momenten zuzuordnen ist. Man hat sortiert, ist sortiert. Man hat die Zeit überrumpelt, mehr gedanklich erlebt, als die Gesetzte es zulassen.

Das monotone, vertraute und selbsterklärende Bewegen der Beine. Mal ziehend, mal drückend mit einem unterschwelligen Brennen in den Beinen, das verdeutlicht, dass man fliegt, Fahrtwind erzeugt, sich bewegt. Ab und an mischt sich das traumhafte Surren darunter, wenn man still hält, die Speichen sich beim Rollen weiterdrehen. Die Kurven sind da, werden geliebt, genommen, als Lebendigkeit verstanden. Fußgänger, Ampeln, Autos, Vögel, Wälder, Seen, Sonnenflecken, Wasserfontänen… All das ist Teil der Welt, in der man die Gedanken so frei hat, wie man sie braucht, um sie zu sortieren. Abzuarbeiten, durchzuarbeiten, wegzuarbeiten. Man jongliert, schubst, hakt ab, steckt in Schubladen, träumt, wägt ab, schmunzelt.

Man vergisst sich selbst, denn in dem Moment ist man nur man selbst – ohne das äußerliche Selbst, das sowieso nur als Hindernis und Motor verstanden wird. Man selbst ist auf dem Rad und schwimmt durch die Welt in einer Blase voller Gedanken, Lebensgeschichten, Ereignisse, Gefühle, Erinnerungen. Müde Beine, dicker Bauch, kalte Finger, großer Hintern, dünne Wadeln, klobiger Daumen, krumme Nase… all das und noch viel mehr Hirngespinste werden vergessen. Schließlich zählt in diesem Moment nur das eigene Ich. Und wenn man mal ehrlich ist, dann ist das alles schon gut so wie es ist. Und man merkt und erinnert sich, dass Glück, Zufriedenheit und dieses oft gejagte Gefühl im Hier und Jetzt zu sein, eigentlich so einfach ist. Man muss einfach mal loslassen, etwas tun, das einem ganz einfach vor Augen führt, zu was man fähig ist. Und dass man sich in der einfachsten Art und Weise des Lebens lebendig fühlen kann: Bewegung.

Deswegen und für alle Zeiten, werde ich für dieses High-Gefühl – egal ob als Radfahrerin oder Läuferin – arbeiten. Aber, seien wir mal ehrlich, ist es denn wirklich „Arbeit“, wenn wir vom Radfahren sprechen?

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