Wenn Zeit alles ist, was zählt

Die Garmin-Uhr zählt die Zeit, die Geschwindigkeit, die Leistung. Noch ein bisschen schneller, sonst bringt das Laufen doch sowieso nichts. Die Schrittfrequenz erhöhen, die Atemleistung steigern, das Tempo anziehen. Es muss die Zeit erreicht werden, die vorgenommen wurde. Wenn nicht, dann Schande über mein Haupt. Wenn nicht, dann war der Lauf für die Katz. Wenn nicht, dann habe ich versagt. Wenn nicht, dann habe ich keinen Grund stolz zu sein.

Lauf, Forrest, lauf. Run, Flash, run. Flieg, Dumbo, flieg. Schwimm, Nemo, schwimm.

Das machen doch alle die laufen. Joggen. Rennen. Die bewegen sich vorwärts, nennen sich Läufer, Jogger, Marathonis, Ultraläufer, Bergsprinter, Downhillmeister und Fitnesskönige. Alle, die diesen Fortbewegungssport über die zwei kurzen oder langen Beinchen betätigen, die bringen Leistung. Und zwar eine Leistung, die es verdient, dass man den Hut zieht. Oder das Läufer-Stirnband. Denn sich raus zu bewegen, während sich andere geradeso ins Fitnessstudio bequemen, das ist Leistung. Die Füße vor die Tür zu setzen und durch die Nachbarschaft zu laufen, das ist Leistung. Zähneknirschend bei Nieselregen die Regenjacke überzuwerfen und leicht bibbernd die ersten Schritte zu machen, das ist Leistung. Wer läuft, der leistet und kann verdammt stolz auf sich sein.

„Du trainierst nur zweimal die Woche?“ oder „Also du musst schon mal deine Distanz erhöhen, sonst wird das ja nix.“ oder „Lauf mal richtig, hier guck mal, so musst du laufen!“ sind Bemerkungen anderer. Vielleicht zu Recht, vielleicht zu Unrecht, vielleicht einfach nur total übertrieben und fehl am Platz. Derjenige, der läuft, läuft aus Gründen. Eventuell sogar mit viel innerer Kämpfen, Anbrüllen des inneren Schweinehundes und viel Disziplin. Aber das da draußen wird läuferisch erkundet. Auf die eigene Art und Weise. Im eigenen Tempo. Mit eigenen Ambitionen und Zielen. Man muss es nicht lieben und schon garnicht genau so machen, aber man kann es akzeptieren. Unterstützen. Gut befinden. „Liken“.

Ich bewundere jede und jeden, die läuft. Regelmäßig läuft. Ob drei, fünf, zehn oder zwanzig Kilometer. Ob man fünf Minuten, drei Minuten oder sechs Minuten für einen Kilometer braucht ist mir so unfassbar egal, dass ich das garnicht in Worte fassen kann. Gut, du bist schnell und mir klappt die Kinnlade nach unten, wenn ich sehe wie dein Körper solche Wunderwerke vollbringt. Aber genauso bin ich voller Begeisterung, wenn ich weiß, dass jemand seit einem Jahr dreimal die Woche 10km läuft – in irgendeinem Tempo.

Nach einer Zeit glaube ich allerdings, wird die Tatsache, dass man läuft, langweilig. Einfach nur laufen ist sowas von 2009, heutzutage zählt die zeitliche Leistung. Mir sagte mal jemand auf Twitter, dass er an meiner Stelle es nicht einmal wagen würde an einen Ultra zu denken, wenn ich nichtmal die 5km unter 25 Minuten laufen könnte. Heißt Geschwindigkeit gleichzeitig Ausdauer oder Distanz? Offenbar schon, teilweise auch verständlich, teilweise totaler Bockmist. Von der 5km-Zeit auf Halbmarathon- oder Marathonzeit umrechnen – ein Klassiker. Es kann attraktiv sein, die Sekunden zu zählen, schneller zu werden, neue Bestzeiten aufzustellen und zu sehen, wie man besser wird.

Aber ist das alles, was Laufen sein sollte? Okay, ich hör schon diejenigen die „Ja wieso nicht, macht Spaß“ brüllen. Aber habt nicht auch ihr die Tage, an denen ihr einfach lauft? Ohne Uhr, ohne Zeitdruck, ohne Ziel, ohne Vorgabe? Nun, vielleicht außer ein „Heute wieder heimkommen“. Das wär praktisch, ansonsten bitte den Rucksack ordentlich packen. Ich bewundere alle, die laufen. Aber umso mehr bewundere ich die, die jeden Lauf, jede Zeit, jede Leistung und jede Distanz – egal wie lang, kurz, schnell oder gemütlich sie ist – für toll befinden. Weil es eben Laufen ist.

Denn mal ehrlich, der Grippy hat das Dötzi-Skyrace sicherlich nicht zwischendrin abgebrochen, weil der fünfte Lauf auf den Gipfel nicht einer gewünschten Zeit entsprach. Wer durch Kiefernwälder läuft, wird die kühle nach Nadeln duftende Luft nicht nur dann genießen können, wenn er 4:30 läuft. Ein Laufflow wird sich nicht nur dann einstellen, wenn man eine gewisse Trittfrequenz hat. Ein fantastischer Sonnenuntergang mit pastelligen Farbtönen wird nicht nur dann erscheinen, wenn man 5km in 25 Minuten geschafft hat. Alles totaler Blödsinn.

Laufen ist Laufen. Back to the roots. Das wiederfinden, was einen zum Laufen gebracht und glücklich gemacht hat.  Zeit lassen, Zeit nehmen, Zeit verplempern. Am Ende könnte das glücklicher machen, als alle Bestzeiten überhaupt. Aber das ist nur meine Meinung und mein Versuch, wieder zurück zum Laufen zu finden. Und ich vermisse, dass es manchmal einfach nur ums Laufen gehen sollte. Auch um die Zeit, denn meistens habe ich einfach eine sagenhaft schöne Zeit gehabt. Und die Tatsache, dass ich nicht schnell bin, erzeugt Druck. Denn alle anderen wollen schneller werden und schneller und schneller – nur ich nicht. Im Vergleich kacke ich ab, ich will nur weiter und lockerer laufen. Oder einfach nur laufen. Ja, eigentlich nur das: Ich will wieder frei und locker laufen. Weswegen ich alle anderen Läufer bewundere. Deren Disziplin, Fleiß, Ehrgeiz und Motivation. Und die etwas bemitleide, denen es um Sekunden geht. Die sehen nicht, dass sie ein Talent, eine Gabe haben, eine tolle Zeit haben: sie laufen. Genießt es, es ist doch so unbeschreiblich schön.

17 Antworten zu “Wenn Zeit alles ist, was zählt

  1. Ganz im Ernst.. Ich sags mal so wies ist. Ich scheiss auf Zeiten.
    Ich glaube ich kann im Leben keine 10km in unter einer Stunde rennen. So what. Ne Zeit lang hat das genagt, mittlerweile ist mir das sowas von egal.

    P.S. Ich hoffe unser gemeinsamer Start beim Karwendelmarsch ist gesetzt und wankt nicht irgendwie :-*

    • Zeiten sind schon toll, wenn dabei aber der Spaß leidet oder das Verständnis, wie toll Laufen sein kann, dann sind Zeiten n Mist. Und du bist für mich so sehr Läuferin, da habe ich noch nie drauf geachtet wie schnell oder oft du läufst 🙂 Deswegen steht der Karwendelmarsch natürlich! Und wir haben sogar schon eine tolle Unterkunft – yeah!

  2. Du sprichst mit aus der Seele! Hauptsache laufen, und jeder , wie er’s mag. Das mit dem Sonnenuntergang, der nur bei einem 5er Schnitt erscheint, gefällt mir besonders gut. Zeigt doch, wie absurd das teilweise ist. Ok, Tempo ist für mich schon ein Thema, weil ich bequem innerhalb des Zeitlimits eines Laufs ankommen möchte, aber es ist echt nicht alles, und schon gar kein Grund, andere danach zu beurteilen. 😃

    • Ich bin zwar ein Vertreter des „Jedem das seine“, aber ich will – weil ich selbst das grad erlebe – einfach nur dran erinnern, dass Laufen immer toll ist. Egal wie schnell oder wie weit man läuft 🙂 Weil ich eben grad garnicht laufe, will ich, dass die die laufen das für mich mit genießen 😀

  3. Es wäre ja schade, wenn alle Menschen gleich ticken würden. In deinem Artikel kommen die etwas ambitionierteren Läufer aber irgendwie schlechter weg. Warum denn? Es halt kein genormtes oder „richtiges“ Laufen. Manchen Leuten ist die Jagd nach einer neuen Bestzeit wichtig, andere laufen weil sie damit etwas für ihre Gesundheit tun möchten und wieder andere Laufen einfach nur des Laufens willen.

    Ich würde mich zur ersten Gruppe zählen. Gesundheitliche Gründe haben mich nie zur irgendwas motiviert und einfach nur Laufen, um meinen inneren Frieden zu finden, ebenfalls nicht. Zumindest nicht bisher. Aber was soll’s? Ich freue mich über jeden, der vor oder nach der Arbeit noch für ein paar Kilometer die Couch verlässt. Und irgendwo finde ich da den sehr talentierten Amateurläufer, der den Marathon in 2:30h läuft, genauso interessant wie die Omi, die ich regelmäßig auf meiner Laufstrecke treffe (und die sicher schon weit über 70 ist).

    Wenn dir jemand einen dummen Spruch entgegen bringt, weil du zu oft oder zu wenig auf die Uhr schaust, dann ist das halt ein dummer Spruch von einem dummen Menschen. Mit Laufen hat das doch nichts zu tun.

    • Dein Kommentar klingt ja schon etwas kritisch, so zwischen den Zeilen. Ist das denn für dich so schlimm, dass ich diejenigen, die vielleicht aufgrund von Zeitjagden nur noch Zahlen im Kopf haben, auf die lockeren Seiten des Laufens hinzuweisen versuche? Aber wie du sagst, Menschen ticken eben anders – so auch du und ich.

  4. Oh man, da isser wieder, mein klassisch nüchterner Blick auf die Dinge. Ja, ich bin gern draussen, ja ich liebe es wenn die Sonne die einsame Landschaft um mich herum in ein geniales Licht hüllt, während die meisten anderen noch an der Matratze horchen, ja ich genieße den Duft frisch gepflügter Felder und den Geruch frisch gefallenen Regens an einem Sommertag.

    Aber ja verdammt – ich laufe gerne… gegen mich. Ich verlasse mich auf mein Bauchgefühl und als ich mit dem Laufen begonnen und keinen Plan von Tempo hatte, hatte ich ein Bauchgefühl, dass ich schneller sein kann und besser und weiter laufen kann. Dieses Gefühl zu verfolgen und dem näher zu kommen ist nicht das tolle … sondern der Weg, Dinge zu lernen … wie man trainiert, wann man trainiert, welche Art der Regeneration am besten tut und was nicht so gut ist, wie weit man gehen kann. Das ist alles ein andauernder Selbsterfahrungstrip.

    Diese Erfahrungen, wieder einen Schritt aus dem eigenen Schatten zu treten, ist mindestens genau so viel wert, wie die kitschigen Dinge die ich oben beschrieben habe, die man auf Lauf-Pinterests findet oder bei Instagram.
    Leistung ist nichts schlechtes – sie ist nur anders. Genauso wie Genußläufer nicht die schlechteren Läufer sind, sie sind anders. Ich bin anders, Du bist anders … auch Zeiten machen Glücklich, denke ich an den besten Lauftag meines Lebens war es meine HM-Bestzeit letzten Herbst … aber eben „auch“ – wichtig ist, dass da kein „nur“ steht.

  5. Das war wieder einmal ein verdammt guter Beitrag. Trifft alles auf den Punkt 🙂 Ich mache mir auch all zu oft Gedanken um Geschwindigkeit/Zeit. Da geht auch manchmal der Spaß verloren. Klar ist es auch ein gutes Gefühl wenn man mal nen Tag hat an dem alles flutscht und man wie ein Geisteskranker rumrennt 😀 Aber die geilsten Läufe sind die, die aus einem Gehirnfurz entstanden sind xD Ich bin noch nie zu dem und dem Ort und wieder Heim gelaufen, das sind aber sooooviel km. Alles klar, teste ich am Wochenende 😀 so total verblödete Aktionen, aber sooooo unfassbar cool, was man da sieht und auch gedanklich mitnimmt 🙂 Scheiss auf die Zeit, wichitg ist in dem Moment nur du und die Natur, alles andere ist Nebensache. Die Zeit sollte man nur im Blick haben im Bezug darauf ob man nun nen Stirnlampe mitnimmt oder nicht 😀

    • Du sagst es 😀 Ich bin schon mal im Stockfinsteren durch die Isartrails gehumpelt, lag aber eher daran, dass ich immer diesen Winter verdränge und die frühe Dunkelheit 🙂
      Genauso solche Läufe oder Momente oder Gedanken finde ich toll und noch toller, dass du das auch manchmal machst – freut mich sehr!

  6. Du sprichst mir aus der Seele. Erst gestern war ich laufen und habe vor lauter nachdenken ganz die Zeit vergessen. Es gibt so viele Tage wo ich einfach nur dahinlaufen will. Ganz egal was für Zeiten. Ich finde deinen Beitrag wunderbar!

  7. Wenn ich die Augen schließe, bin ich auch der Läufer, der mühelos und frei von allen Zwängen und Uhren in den Sonnenaufgang läuft. (Und wenn ich ohnehin schon am fantasieren bin, laufe ich dann auch ohne T-Shirt, aber dafür mit wohl definiertem Oberkörper.) Aber das bin ich leider nicht. Wohl definiert sowieso nicht und auch niemand, der ohne Uhr läuft. Ich bin der Typ, der nach einem Lauf vor der Haustür ankommt, auf die Uhr guckt und dann noch drei Mal ums parkende Auto läuft, damit am Ende nicht 19,98 Kilometer bei Strava stehen. Das klingt furchtbar, aber es ist nun mal das, was mich persönlich glücklich macht.

    Für mich geht es dabei weniger um Leistung als viel mehr um das Erreichen von Zielen. Das können Zeiten sein, sind bei mehr aber eher Distanzen und Strecken. Mir geht es ähnlich wie Daniel: Ich bin kein besonders kompetitiver Typ, es sei denn, ich fordere mich selbst heraus. Es ist doch nichts schöner, als zum ersten Mal eine Distanz bewältigt zu haben oder diesen einen heftigen Anstieg im Laufschritt gemeistert zu haben.

    Außerdem motiviert mich dieses Numbercrunching ungemein: Wenn ich am Samstag Abend sehe, dass ich mit einem weiteren Lauf am Sonntag die 1.000 Höhenmeter in dieser Woche schaffen kann, dann habe ich kein Problem damit, meinen Hintern am nächsten Morgen aus dem Bett zu bekommen. Sonst würde mir das schwer fallen. Denn so herrlich das Laufen ohne jegliche Zwänge auch ist: Ein Sonntag Morgen im Bett ist noch besser.

    tl;dr: Ich laufe immer mit Uhr und fühle mich trotzdem nicht wie ein Getriebener, sondern genieße das Laufen.

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