Wenn man zu dick zum Laufen ist

Ich bin dick. Oder auch nicht, ich kann es ehrlich gesagt nicht sagen. Manche sagen dies, andere jenes, ich sowieso nur nuschelige Fluchworte und mein Freund traut sich nicht das Fass aufzumachen. Aber, und das ist eigentlich das Wichtigere, ich fühle mich dick. Schwer. Unförmig. Massig. So unglaublich schwer und träge und kaum in Fahrt zu bringen, dass ich das als dick definiere.

Das hat mit zwei Dingen zu tun. Oder doch drei. Vier? Drölfzig. Auf jeden Fall hat es damit zu tun, dass mein Körper das Laufen einfach nicht mehr gewohnt ist. Und es hat auch damit zu tun, dass mehr Masse faktisch an mir dran ist, als zu meinen Laufzeiten. Stellen wir uns also vor, wie leicht etwas Leichtes in Gang zu setzen ist und wie schwer es wiederum für etwas Schweres ist, dass es in Bewegung kommt. „Wenn es dann aber mal läuft, dann läuft es.“ könnte man sagen. Man könnte aber auch das innere Bild von Homer Simpson vor Augen führen, bei dem das Bauchfett angestoßen wird, um zu sehen, wie lange es braucht um wieder still zu stehen. (Spoiler: Es hört nie wieder auf zu wabbeln, es wabbelt sogar jetzt noch.)

Aber es ist ein Teufelskreis: Die Muskel-Fett-Körpermasse, die ich nun einmal bin wird nicht graziler, leichter und läuferischer, wenn ich nie laufe. Das Laufen ist aber eine Tortur, da ich mich zu dick zum Laufen finde. Es ist gedanklich ein Stampfen, ein Trampeln, ein verzweifeltes Abstoßen der Beine vom Asphalt, nur um viel zu schnell wieder aufzukommen. Ich trotte, schlurfe, torkle durch die Gegend, während andere gazellengleich durch die Stadt hechten, tanzen und sprinten.

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Meine Hosen kneifen am Bauch, denn da ist zwar kein Muskelanteil zu finden, allerdings ein gut großer Anteil meines Körperfetts. Milchprodukte, Medikamente und faules Netflix-Chilling fordern ihre Tribute. Und nein, nicht die Tribute von Panem, sondern jene, die sich als Wachstum auf der Waage, auf dem Maßband oder auf dem Spannungsgrad der Hose zeigen. Daher ist es am Bauch etwas eng und meine Laufsachen kneifen somit alle. Oberteile, die rutschen sind zu meinem größten Feind geworden. Ich möchte nicht bauchfrei laufen, möchte keine Fettspalte des Grauens möglichen Passanten preis geben und ich möchte nicht, dass meine Bauchfalte anfängt meinen Sporthosenbund zu fressen. Ich fühl mich dabei einfach nicht wohl. Und das ist nur das Äußerliche, das zusätzlich zum Leiden hinzukommt.

Denn Leiden tu ich, oh wie leide ich. Denn das Tappeln mit Schuhen, die nicht bequem sind, in einem Tempo, das nicht bequem ist, mit einer Atmung, die sich nicht nach Bequemlichkeit anhört und mit einem roten Keuchgesicht, das einem falsch geschminkten Cown entspricht, leide ich wirklich sehr. Und dabei übertreibe ich nicht. Untertreiben – ja, schon eher, denn ich habe die Verkrampfungen in der Schulter, Seitenstechen, Durstanfälle, laufende Rotznase und viel mehr noch nicht mal erwähnt. Außer jetzt. Ich leide also immens, ganz viel und unglaublich unmenschlich. Dabei sollte und hatte und konnte das Laufen mich doch glücklich machen, erfüllen, zum Strahlen bringen, ablenken, frei machen (gedanklich, nicht… ihr wisst schon.) und über mich selbst hinauswachsen lassen. Ich frage mich, ob dieser Punkt wieder kommt. Oder ob ich diesen Punkt auch schon aufgegessen habe, ich alte Fressmaschine ich.

Weniger Masse könnte also zu mehr Laufen führen. Mehr Laufen zu weniger Masse. Weniger Masse wieder zu mehr Laufen und dann, irgendwann einmal, wenn die Sterne richtig stehen und der Wolf zweimal heult, dann macht das Laufen sicherlich wieder Spaß. Oder, und damit bin ich mal ganz gnadenlos ehrlich, nennen wir es für den Anfang einfach mal Joggen. Aber jetzt aktuell und gefühlstechnisch bestätigt bin ich zu dick zum Laufen. Aber die Abnahme der Masse kommt auch nicht von selber – außer ich schlafe einfach mal vier Wochen an einem Stück. Dann bin ich nicht nur ausgeschlafen, sondern gefeuert, ausgehungert und wache wohl im Krankenhaus auf. Muss ja dann auch nicht unbedingt sein, das Krankenhausessen ist ja auch eine Qual. Da quäl ich mich schon lieber in unbequemen Laufschuhen, in unbequemen Laufklamotten vorbei an brausenden Autos auf unbequemen Asphaltwegen solange, bis ich es schaffe auf einer Laufstrecke wieder auf Kies, Schotter, Matsch und Dreck zu laufen.

Und wer weiß, vielleicht bin ich dann noch immer zu dick dafür, aber mir ist das dann eben relativ scheiß egal. Weil ich mich dann wieder wohl fühle. Und das, ehrlich gesagt, ist doch das einzige was zählt, oder?

13 Antworten zu “Wenn man zu dick zum Laufen ist

  1. Jo, so ungefähr könnte mein Beitrag auch aussehen. Von nichts kommt nicht, aber mit zu viel kommt auch nichts. Ein Teufelskreis.
    Unter xx kg gehe ich wieder joggen, aber ich müsste joggen, um von xxy auf xx zu kommen.

    • Es ist alles andere als so einfach – vor allem, wenn man viel Radfahren ist und dann mit einem Mordshunger nach einer Tour die halbe Küche verspeisen könnte. Hilft auch nicht besonders beim ach-so-sehr-gewünschten Kcal-Defizit.

  2. Ich glaube, Du sprichst da zwei verschiedene Dinge an: Einmal das Empfinden, zu dick zu sein (teile ich), andererseits das schlechte Gefühl beim laufen (teile ich fast nie). Im Gegenteil: Hin und wieder fühle ich mich beim loslaufen wie ein 60-jähriger mit 30 Kilo Übergewicht, aber meist wird es mit jedem gelaufenen Kilometer besser. Und am Ende der Runde fühle ich mich jung und schlank. 🙂

    „Zu dick zum laufen“ gibt es deshalb in meinen Augen nicht. Ich glaube nicht, dass die Zufriedenheit beim Laufen vom Körpergewicht abhängt. Aber vielleicht rede ich mir das auch nur ein, weil ich es nicht schaffe, abzunehmen. 🙂

    Hier ist noch eine schöne Story zu dem Thema:
    https://www.rei.com/blog/run/rei-presents-the-mirnavator

    • Ich hoffe stark, dass der Punkt mal wieder kommt, an dem man sich wohl fühlt. Und an dem das Laufen auch wieder Freude bringt – ich vermisse das einfach sehr. Hattest du denn ein ähnliches Problem? Kann ich mir garnicht vorstellen du Laufpieper du!

  3. Laufpieper 😀
    Ja, ich bin ja nun auch nicht die typische Läufererscheinung und gerade wenn ich mir z.B. meine Kollegen bei den Frontrunnern angucke, bin ich auch schon eher ein Koloss…
    Ich schaff das aber aufgrund von arbeit,bau und baby nicht daran was zu ändern und wenns wieder mehr passt werd ich auch wieder mehr dafür tun…
    gibt auch wichtigeres als dem ideal zu entsprechen…
    spass haben und glücklich sein zum beispiel

    • Stimme dir vollkommen zu 🙂 Und manchmal gibt’s Zeiten in denen andere Dinge einfach wesentlich wichtiger sind, als läuferisch leichter zu werden oder so.

  4. Ich habe auch nicht die vermeintlich typische Läuferfigur und genieße den dadurch bedingten Überraschungseffekt nur noch mehr, wenn ich den Size-Zero-Damen davonlaufe. Meine Kondition ist zwar ausbaufähig, aber dafür bin ich zäh. Außerdem haben die einen oder anderen Zusatzkilos durchaus ihre Vorteile. Es sind unsere Energiereserven. Diese Bonuskilos verschaffen uns zudem einen erhöhten Energieumsatz, wofür sich die zierlichen Laufdamen erst zusätzliche Gewichte umschnallen müssten. Also rein in die Turnschühchen und einfach weiterlaufen.

  5. Hervorragend geschrieben! Ich habe zur Zeit unfallbedingt 10kg mehr als üblich und merke das beim Laufen – hauptsächlich mit Gelenkproblemen und unpassenden (hochrutschenden) Kleidern. Allerdings habe ich jetzt einfach mal die Sportarten umgestellt (Schwimmen, Crosstrainer, Walken) – bis das Gewicht wieder soweit stimmt, dass ich mich beim Laufen wohl fühle. Das wäre ja evt. auch eine Möglichkeit, um den Teufelskreis zu durchbrechen 😉
    Liebe Grüsse
    Ariana

    • Ja, das ist eine sehr gute Möglichkeit – letztes Mal hab ich das mit dem Radfahren gemacht und habe mich verliebt 😉 Den Teufelskreis knacke ich noch, geht’s dir denn mittlerweile besser, weil du was von einem Unfall geschrieben hast? Gute Besserung schon mal! 🙂

  6. Pingback: Sport- und Fitnessblogs am Sonntag, 24.09.2017·

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