Out we go, free we live: Die Sehnsucht nach Draußen

Es hat sich nie angekündigt. Es kam einfach, von einem Tag auf den anderen oder auch von einem Jahr auf’s andere. Während man frühmorgens noch verschlafen die Zähne putzt, kommt die klare Feststellung: Ich will raus. Und man merkt mit einem Mal, dass man immer raus wollte und musste. Jetzt allerdings, nachdem das Leben schon Bahnen eingeschlagen hat und man selbst irgendwo angekommen ist, kommt diese Feststellung, dass man raus muss, reichlich spät. Man putzt also die Zähne fertig und fängt an, diesen Gedanken, dieses Gefühl, diese Sehnsucht irgendwo hin zu verschieben. Man pflegt sie, liebkost sie, gibt ihr mit dämlichen Timelapse-Videos von Norwegen, Dokumentationen von Kilian Jornet oder faszinierenden Bildern von Wäldern und Bergen noch zusätzlich Nahrung – und schiebt sich weiterhin auf die Seite. Verdrängt sie. Ignoriert sie, diese Sehnsucht. Warum? Weil es Arbeit bedeutet. Raus aus der Komfortzone, die ach so vertraut ist und sicher scheint. Weil man sich davor fürchtet, was passieren könnte, wenn man der Sehnsucht nachgibt. Aber weil wir uns eben danach sehnen raus zu kommen, wird es, wenn wir nicht nachgeben, uns am Ende unfähig machen die bekannte Komfortzone zu geniessen.

Raus. Dem Rauschen des Regens auf dem Blätterdach lauschen. Dem Duft des Harzes, des Waldbodens und der Nadelbäume Momente schenken. Die unendlich vielzähligen Grünfacetten zählen und dem Sonnenmuster auf dem Waldweg beim Tanzen zusehen. Ist es nicht das, was wir suchen? Es ist das, was ich suche.

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Warum wollen wir eigentlich dann raus, weg, in die Natur in dieses ominöse „Draußen“, wenn wir doch alles haben, was wir zum Leben brauchen? Die Wohnung, das Zuhause ist warm, Essen wartet im Kühlschrank oder per Lieferservice, der Fernseher lässt einen Welten erobern und die Playstation Feinde besiegen. Unzählige Bücher halten unzählige Leben zum Erleben bereit und das Internet ermöglicht es einem sofort mit einer Menge an Freunden zu reden, lachen, sich auszutauschen. Das ist doch Leben – oder? Ist Leben nicht das Glücklichsein mit sich selbst, das Reinpassen in die Gesellschaft, das Befolgen von Regeln für ein funktionierendes sichere soziales Umfeld? Warum also, warum schreit man förmlich danach dem allen entfliehen zu können und mit einem Aufseufzen der Erleichterung die Grenze zwischen lärmender, belebter, bunter Welt und unberührtem, natürlichem und ruhigem Draußen zu überschreiten? Auf einem Gipfel zu stehen, die kalte und unsagbar klare Luft an den Haaren zerren zu spüren und dem Wolkenspiel am Horizont zu folgen? Warum kann man sich im Anblick einer Parrallelwelt im Waldsee verlieren, während bunt gefärbte Blätter tanzend auf den moosigen Boden fallen?

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Keiner weiß eine Antwort, zumindest, wenn man herumfrägt. „Es ist halt so“ oder „Das geht vorbei“ und „Du wirst älter“. Ich stimme allen drei Aussagen zu. Es ist so, irgendwann, spätestens wenn ich sterbe, wird das vorbei sein und älter werde ich auch – würde ich das nicht, wäre ich Benjamin Button. Und dann würde ich in einem Film leben. Soviel also dazu. Aber wer sich selbst kennt, wer sich traut sich selbst zu kennen und ehrlich mit sich selbst zu sein, der wird auf diese Fragen eine Antwort parat haben. Und bei aller Liebe: Es muss keine tiefenpsychologische Antwort in Form einer Seminararbeit sein, mit unglaublich klugen, aber stumpfsinningen Ausführungen. Es ist wie bei Liebeskummer, wenn man ein Ziehen verspürt und die Tränen rollen. Da kommt man nicht mit einer 4-Felder-Matrix oder einem Honeyweb-Diagramm. Das einzige, was man hier sagen kann ist: „Es tut einfach weh.“ Und das reicht völlig aus. Genauso verhält es sich mit der Sehnsucht nach Draußen, der Sehnsucht in der Natur, im Freien, weg von asphaltierten Städteleben einfach durchatmen zu können.

Ich möchte mich frei fühlen, ich möchte lebendig sein.

Entweder schafft man sich selbst die Möglichkeiten, der Sehnsucht nachgeben zu können oder man lässt diese Sehnsucht einfach wachsen und wuchern. Das endet meist nicht gut, man verbietet sich selbst schließlich das, was man am dringendsten benötigt. Die Sehnsucht, nein, wohl eher ein Bedürfnis nach Draußen, ist aus gutem Grund da. Für mich ist dieses Bedürfnis nach Ruhe, nach Loslassen, nach klarer Luft, die all die lästigen Gedanken wegbläst und nach Leben so wichtig, dass es mir ohne nicht gut geht. Komfortzone hin oder her, ich möchte doch nur ich sein! Das Ich aber braucht den Abstand zum Tumult, zum stressigen Stadtalltag, zum Leben in ungemütlichen Kastenwohnungen. Ich möchte meine Füße brennen spüren, dem Sonnenuntergangslicht beim Verschwinden zusehen können, das Sonnenlicht im tiefen Wald glitzern sehen, Wildblumen schnuppern und Wolken beim Wandern beobachten.

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Mein Leben ist aber bereits in einer bestimmten Bahn und gewisse Entscheidungen haben mich dahin gebracht wo ich nun eben bin. Stehe. Aber bin ich damit glücklich? Ist alles in Stein gemeißelt? Eben. In meinem Leben geht es um mich und meine Entscheidungen sollten mich nicht unglücklich oder innerlich zerrissen dastehen lassen, ich bin meines Glücks eigener Schmied. Sonst schaffen wir das doch auch. Hunger? Wir essen. Durst? Wir trinken. Langeweile? Wir schauen einen Film, lesen ein Buch oder treffen uns mit Freunden. Lernbegierde? Wir kaufen uns ein Fachbuch, schreiben uns in einen Kurs ein, lernen eine neue Sprache. Und was genau spricht jetzt dagegen das eigene Leben so zu gestalten, dass das Draußen ein fester Bestandteil des Lebens wird? Liegen gerade irgendwelche Steine auf dem Weg, die unmöglich sind wegzuräumen und einen am Freisein, am Lebendig fühlen behindern? Es sagt niemand, dass von heute auf morgen alles anders sein muss, kann, wird, soll. Klar, das verkaufen alle Abnehmprogramme (15kg in nur 2 Wochen! Sie werden es nicht glauben!) und viele Selbstfindungsideen (Selbstbewusst, selbstsicher und selbstüberzeugt – Dein neues Du im Schlaf!), aber mit nur einem Funken Hirn und Verstand wird klar, dass man Zeit braucht. Ein Umzug von der Stadt raus geht nicht innerhalb eines Monats, aber vielleicht innerhalb eines Jahres. Eine Kondition, um auf einen Berg hoch und wieder runter zu laufen ergattert man nicht im Summer-Sale, sondern arbeitet daran über einen längeren Zeitraum. Das Ummodelieren der eigenen Komfortzone ist nicht über Nacht möglich, man muss sich mit viel harter Arbeit und Geduld an diese Aufgabe ransetzen. Geduld. Das ist das Zauberwort. Geduld mit sich selbst.

Schließlich hat man schon einen richtigen Schritt gemacht oder eher einen Schritt in die richtige Richtung – für sich selbst. Man hat erkannt, was einem gut tut, was man möchte und was man braucht. Ich will raus, abschalten können, in ein paar Minuten im Wald stehen können und endlich runterkommen. Auf Straßen, die sich durch schöne Landschaften, Wälder, den Alpen oder den Seen entgegen ziehen für mich alleine radeln können. Ich will 2 Stunden durch den verschneiten Wald laufen können und danach in aller Ruhe und mit allem Glück der Welt ein Bad nehmen, etwas Gutes essen und schreiben. Ich möchte gerne die Gewissheit haben, dass ich jederzeit meine Laufschuhe anziehen oder mein Rad fertig machen kann und ohne große Umwege in ruhiger Einsamkeit da draußen sein kann. Weil ich mich dann frei und lebendig fühle. Und das macht mich glücklich und alles wieder gut.

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6 Antworten zu “Out we go, free we live: Die Sehnsucht nach Draußen

  1. Ich glaube, ich möchte das auch alles. Plus Internet. 😉 Spannendes Thema und ein schöner Text. Du schreibst es ja im ersten Absatz: Man muss raus aus der Komfortzone, die eigentlich gar keine ist. Denn die wahre Komfortzone wartet schließlich draußen. Ich glaube, das macht es so kompliziert. Für mich jedenfalls.

  2. Liebe Rebekka,
    über Twitter hierhergekommen, stöbere seit ein paar Tagen – vielleicht Wochen – ich in deinem Blog.
    Beiträge wie dieser sind es, die mich und bestimmt noch viele weitere Leser inspirieren.
    Es ist mehr als angenehm deine Beiträge mit den tollen Fotos zu lesen.

    Ich schau immer weder gerne rein.

    Liebe Grüße aus Unna
    Michael

    • Hallo Michael,

      danke für deinen schönen Kommentar, es freut mich immer wieder sehr, wenn ich mit meinen kleinen kurzen Texten Menschen wie dich inspirieren kann – dass meine Texte auch gerne gelesen werden.
      Und die tollen Fotos, die bringt ja am Ende eigentlich die tolle Umgebung mit sich 😉

      Schön, dich als Leser zu wissen! Danke dir!

      Viele Grüße aus dem regnerischen-matschigen München,
      Becky

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