Wann ist ein Läufer ein Läufer und wann nicht

Manche sagen „Ich jogge“ und andere sagen „Ich laufe“. Die einen bezeichnen sich als Läufer und die anderen als Jogger. Wiederum andere korrigieren dich „Ach, du joggst also“ und wieder andere meinen „Also läufst du, oder?“. Was ist was. Wer ist was. Was ist wer. Fragen über Fragen und irgendwie kennt keiner die korrekte Antwort.

Wer läuft, der bewegt sich vorwärts. Wer joggt tut das ebenfalls. Nur langsamer? Eine Entwicklungsstufe zwischen Walking und Running, ergo – um das gute alte Deutsch nicht zu diskriminieren – als Mittelstufe zwischen dem Gehen und dem Laufen angelegt. Das flottere Gehen. Das Gehen, das eher den Atem beschleunigt und Schweißperlen auf die Stirn treibt. Abhängig hier vom Ausgangsgewicht des Gehenden, was übrigens auch der Beweggrund ist sich zwischen dem Flottgehen ähm dem Joggen und dem Laufen zu entscheiden. Sinnvoll, klug und Gelenkeschonend. Für Anfänger, die noch nie oder kaum in den letzten Jahren sportlich aktiv waren und sich an das Laufen heran wagen, beziehungweise das Laufen als eine der simpelsten Sportmöglichkeiten für sich heraus gefiltert haben, eine sinnvolle Entscheidung. Das mit dem Joggen.

„Ich jogge“ klingt aber total blöde. Klingt wie Weichei, wie jemand der zuviel auf den Rippen hat, um richtig zu laufen. Wie ein Mensch, der gelesen hat, dass man eben nun joggt und das nun eben getan wird. Und im Lebenslauf bei „Aktivitäten“ steht das sowieso. Damit deutet man an ein aktiver Mensch zu sein, der jedoch nicht den Fokus auf sportliche Tätigkeiten sondern auf das berufliche Weiterkommen legt. Wer joggt, der postet auch Duckface-Bilder von sich nach dem Lauf mit Hashtags #yolo #sosexy #omg #sportyme #nopain #nogain und liegt seinen Bekannten bei einem BMI von 18.5 mit „Ich bin ja so dick und so hässlich und so übergewichtig und so wabbelig“ in den Ohren während zwischen den Thight ein drittes Bein gepasst hätte. Das assoziiert man mit Joggen, wenn man irgendwie sich als Läufer bezeichnet oder bezeichnet werden will. Also nix halbes und nix ganzes. Bravo.

Dass eben genau diese aber auch sagen „Out for a run“ oder „Running ist so cool“ oder „Wer nicht läuft ist einfach faul“ und damit ihre paar Kilometer meinen, die sie wöchentlich absolvieren mischt diesen ganzen „Was ist wer und wer ist was“-Kram ordentlich auf. Es sind gerne die, die dem klassischen Lifestyle „Faster, Better, Stronger“ angehören wollen und ihre Running-Ambitionen sozialmedial teilen. Ist ein Läufer ein Mädel, das um in die Größe-32-Hose reinzupassen sich ein paar Kilos abspecken will? Ist ein gut gebauter Mann ein Läufer, wenn er „weil es zum Lifestyle nun mal gehört“ zweimal die Woche eine Runde läuft? Ist eine Mama ein Läufer, wenn sie Zeit für sich braucht und dafür die Laufschuhe schnürt und einfach nach draußen flüchtet? Ist ein Jugendlicher ein Läufer, wenn er neben seinen 4 Besuchen im Fitnessstudio auch ein paar Runden läuft, damit das muskuläre Endpaket am Ende besser ist? Ist ein Wettkämpfer, der die Medallien wie Schuhe sammelt und für den es nur „Besser, schneller, weiter“ geht ein Läufer? Oder jemand der wie besessen Berge hoch und runter läuft und eigentlich über gar nichts anderes mehr reden oder denken möchte ein Läufer. Ist jemand der auf Asphalt läuft genauso ein Läufer wie jemand der über Trails fliegt? Sind Kieswege eher Läufermaterial oder durch Wurzelwege oder gar nur die geteerten Straßen?

Wann ist ein Läufer ein Läufer.

Wer joggt, der joggt einfach. Aus guten Gründen oder weil es nun einmal nicht anders geht. Zeitlich gesehen oder auch einfach weil die Lust daran fehlt. Nicht immer und nicht allen macht Sport Spaß, aber was macht man nicht alles. Grund genug für andere diese Leute oder deren Sportwahl zu verurteilen? Sicher nicht.

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Wer läuft… nun, der läuft. Es gibt hier keine Regel, nach der gemessen wird. „Ups, die 10km leider nicht unter 51 Minuten geschafft. Sorry, du bist immer noch ein Jogger, blöd gelaufen, streng dich doch mal mehr an.“ Auch nicht die Anzahl der Wettkämpfe ist hier ausschlaggebend und es ist auch kein Level Up nach Marathon 25 zu finden „Your speed just increased by 2 Minutes per kilometer. Next upgrade: Marathon 50“. Die Anzahl der Laufschuhe oder die Anzahl der zerlaufenen Schuhe ist ebenso unwichtig wie die passende Laufklamottenausstattung in farblicher Anpassung an Make-Up, Tattoos, Schmuck, Socken oder sonst was. Keiner wird belächelt wenn er nur 4 Paar Laufschuhe hat und keiner wird mit alten Socken beworfen, wenn die Schuhe nicht zur Jacke nicht zur Hose nicht zur Mütze passen. Es gibt kein Läufer-Ausweis, den man vorzeigen muss, wenn man im Gelände von der Laufpolizei erwischt wird. „Oha, hier steht Sie dürfen nur einen 6:00er Pace laufen. Da war wohl jemand etwas zu schnell unterwegs, was? Das gibt dann Laufverbot für eine Woche.“

Das einzige was es gibt sind Arschlöcher. Das sind die Menschen, die sich besser fühlen, wenn sich ihre jahrelange Erfahrungen und Erfolge und Verdienste anderen ins Gesicht schmettern können, um diesen klipp und klar zu sagen, dass dieser unter ihm steht. Unter allen. Arschlöcher sind auch die, die nicht grüßend die Hand beim Vorbeilaufen sondern verächtlich die Augenbraue heben. Begnadete Arschlöcher machen sich gerne auch online über andere lustig, die eventuell gerade mit dem Joggen angefangen haben, Gewicht verlieren wollen, den ersten 10km-Lauf oder Marathon gelaufen sind und sich darüber austauschen. Oder eben die, die einen als „Jogger“ schimpfen, weil man noch keinen Ultra gelaufen ist. Oder Marathon. Oder Halbmarathon. Arschlöcher gibt es zuhauf und für die wiederum sollte es eine Laufpolizei geben. „Läufer-Arschloch“ im Ausweis und der Verkauf von Laufschuhen ist bundesweit untersagt. Strafe muss ja doch irgendwie sein, am Ende geht nur das Ignorieren und das „Ich muss da drüber stehen“.

Wer läuft, läuft. Wer Laufen liebt, liebt Laufen. Wer bei einem 4:00er Pace genauso Spaß und Freude und Lust verspürt wie bei einem 6:00er Pace macht es richtig. Wer Wettkämpfe toll findet, wer gern in knallblauen Klamotten läuft, wer sich bei Ultraläufen besonders gut fühlt, wer bei Marathons die Herausforderung schlechthin hat, wer ohne Zeitmessung läuft, weil es „meine freie Zeit ist“ oder wer beim Laufen gerne mit Freunden redet… Es ist am Ende vollkommen egal, warum wer was wieso macht.

Wer läuft, der läuft eben. Dass dazu einige Kilometer zählen ist verständlich. Wer läuft versteht das. Man wird und kann es nicht dabei belassen „nur“ 5 Kilometer zu laufen. Irgendwann will man mehr „freie Zeit“, mehr gutes Gefühl, längere Redezeit mit Freunden, mehr Herausforderung, eine neue Strecke, besseres Training. Wer Läufer ist, der ist verliebt – in das Laufen und in die Zeit davor, währenddessen und danach. Ein Läufer hat es garnicht notwendig andere zu kritisieren, in Schubladen zu stecken oder herunter zu machen. Wir sind einfach so verliebt, dass wir ständig auf Wolke 7 schweben. Ähm, laufen.

19 Antworten zu “Wann ist ein Läufer ein Läufer und wann nicht

  1. Da kann ich mich dem Steve nur anschließen. Das sollte sich so mancher mal durchlesen, bevor er andere bewertet!

    • Danke – es ist auch etwas als solches gedacht und soll zum Nachdenken anregen. Aber auch für die, die eventuell von manchen „Arschlöchern“ entmutigt werden oder ständig kritisiert werden, soll das verdeutlichen, dass es auch die „Guten“ gibt 😉 Nicht nur die dunkle Seite der Macht hat Kekse!

      • Ich glaube fest daran, dass die Kekse (und die ein oder andere Sahnetorte) ganz klar in den Händen der Jedi liegen! 😀 Schön, dass du das mit deinem Beitrag bestätigt hast. 😀

  2. Ich jogge derzeit.
    Meine Einstellung und meine Motivation entspricht derzeit nicht der eines Läufers. Außerdem habe ich zuviel auf den Rippen und grüße beim Laufen nicht.
    Mich ärgert aber die sprachliche Ungenauigkeit beim Gebrauch der Worte „gehen“ und „laufen“. Viele Leute in meinem privaten und beruflichen Umfeld „laufen zum Aldi“, meinen aber, daß sie gehen. Sage ich dann aber, daß ich nach der Arbeit „laufen gehe“, muss ich lange Fragen beantworten, ob ich denn nun laufe oder laufe? Nachdem Erziehungsversuche aller Art gescheitert sind, wähle ich nun lieber „joggen“. Der Begriff war noch frei und nicht von der Übertreibungsgesellschafft okkupiert. Also lass uns den Trail rocken und den Wald niederbrennen!

    • Das kenne ich, aber ich erklär auch immer wieder gerne, dass ich „Laufen gehe, also joggen, also sporteln“. Solange ich nicht auf „Joggst du jetzt oder läufst du?“ antworten muss ist alles gut und jedem sei seine Fortbewegungsart, die Spaß macht, gegönnt 🙂

  3. Als eingewanderter Schwede hat mir das Wort „laufen“ (samt Variationen) anfangs Probleme bereitet: Ich habe das Wort im Sinne von „rennen“ benutzt, die Deutschen im Sinne von „sich zu Fuss bewegen“ (inklusive und insbesondere beim Gehen).

    Seither habe ich eigentlich nicht darauf geachtet, es kann also eine mundartliche Abart gewesen sein (damals in Schwarzwald). Dass hier eine Trennung Laufen–Joggen, mit dem Laufen als die schnellere Variante, diskutiert wird, hat mich aber vorerst überrascht.

    • Oha, das stell ich mir tatsächlich schwierig vor! 😀
      Es ist wirklich eher eine Nuance Unterschied vorhanden und die Bedeutung von Joggen oder Laufen variiert auch etwas – abhängig von Erfahrung, Umgebung etc.
      Solang man sich aber versteht ist ja alles gut 😉

  4. mein Gott was fgür ne Pampe. Wieder so ne typisches Geschreibsel a la „wir sind ja keine ordinären Breitensportler, sondern Elite“. Man spar dir den Quatsch und lauf einfach. Es braucht doch nicht zu interessieren wer läuft, joggt, turnt oder sonst was. Echt ne dämliche Angewohnheit des Menschen sich überall abgrenzen zu wollen und das auch noch entsprechend darzustellen. Wenn das nicht wäre, würde es auf der Welt relaxter zugehen. Also ich laufe, jogge oder sonstwas – hauptsache ich tu was für meine Gesundheit und schädige keine anderen damit.. overnout

    • Ach nö, sparen mag ich mir das nicht und laufen tu ich auch zur Genüge 😉 Elite sind wir nicht bzw ist das nur Leistungsabhängig bzw eben nicht die Masse sondern doch eher der einzelne, aber das ist auch vollkommen schnuppe, weil das hier garnicht das Thema sein sollte. Eher, dass es Menschen gibt die sich als Jogger
      und/oder Läufer bezeichnen und das aus reiner Freude am Sport machen und nicht durch andere Menschen sich ärgern lassen sollten – die gibt nun eben gibt. Aber genug des Blablas, ab nach draußen!

  5. Hallo und vielen lieben Dank für diesen Artikel !
    Ich bin durch einen Facebook- Link von VEGlaufen auf diese Seite gekommen und muss sagen, dass mich der Text sehr motiviert.
    Mit 40 Jahren und BMI kurz vor Adipositas traue ich mich wg. mancher vorgenannten Menschen nicht auf der Strasse zu laufen, sondern bezahle, um mich im Fitnessstudio auf dem Laufband ersteinmal ansehnlich zu machen.
    Danke, dass nicht alle Läufer so denken, du machst mir mit dem Artikel Mut!

  6. Sehr guter Artikel,
    ich habe erst kürzlich einen Post einer Läuferin gelesen die mit ach und krach einen 10 KM Lauf in 1 Stunde und 20 gefinisht hat. Nicht gerade schnell, aber ich würde sie ganz klar als Läuferin einordnen. Denn die Leidenschaft zählt, oder?

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