Arrogant, unhöflich oder gar nicht bös gemeint? Wenn Radfahrer nicht grüßen

Wenn man mit dem Rad unterwegs ist, dann hat man zwei Möglichkeiten: Man trifft andere radelnde Menschen oder man trifft diese nicht. Für letzteres müsste man jedoch entweder bei strömenden Gewitterregen, Schneesturm oder Sandverwehungen fahren und das würde ein kleines bisschen an Wahnsinn grenzen. Aber wahnsinnig, das sind sowieso viele Rennradfahrer.

Alles geben, noch ein bisschen mehr, „shut up legs“ und die Kilometerzahl wird beständig nach oben geschraubt, während sich der Fahrer auf Serpentinen gen Wolken empor arbeitet. Man radelt sich ein, findet seinen Takt und die richtige Strecke und ist weg. Erkundet die Umgebung, lässt sich Streifen auf die Haut brennen und Salzkrusten ins Gesicht kleben. Schnell, langsam, gemählich, fordernd. Es gibt soviele unterschiedliche Rennradfahrer und soviel unterschiedliche Charaktere. Aber eines sollte eigentlich einheitlich sein: Das Grüßen.

Nicht „Wie grüße ich?“ sondern „Ich grüße.“ – egal wie. Ich muss nicht ein „Heyyyy, servus, griaßdi scheena Radlkompanjo, woher kimmst wo wuist hi habe die Ehre!“ sein und auch verzweifelt engagiert wirkends Winken mit einer oder zwei Händen und am besten noch den Beinen. Es reicht ein Nicken. Ein Aufzeigen mit der Hand. Ein Anlächeln, ein „Servus“ – das reicht alles.

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Aber viele schaffen nichts davon. Sie kommen dir entgegen, Sonnenbrille auf der Nase, vor sich hin haxelnd und du siehst, dass sie dich sehen. Du nickst, du hebst die Hand. Und mit unverändertem Gesichtsausdruck und dich anschauen fährt der andere vorbei. Null Reaktion. Nichts. Nur ein blödes Gaffen mit geöffnetem Mund und Musterung meiner selbst. Frauen sind besonders schlimm: Die wenigen die ich treffe sind arrogante Mädels oder zu schüchtern, um Reaktion zu zeigen. Eher arrogant. Die drehen nämlich den Kopf einfach weg, wenn ich grüße. Möchte ich gerne etwas treten. Aber da ich nicht möchte, dass alle Radler, die nicht grüßen für mich weiterhin ignorante Deppen sind, habe ich mir Ausreden überlegt. Wahrscheinlich sind sie alle ignorante Arschlöcher und scheren sich einen Dreck um andere Radler, ein Miteinander oder einen freundlichen Ton, aber so kann ich wenigstens etwas schmunzeln – wenn sie nicht grüßen.

Das könnte nämlich, wie ich vermute, in den Köpfen der nicht grüßenden Radler vor sich gehen:

  • „Eins und zwei und eins und zwei und eins und zwei… schön im Takt bleiben… und eins und zwei und eins und zw… oh, da grüßt jemand. Was mach ich jetzt? Verdammt, wo war ich? Bei zwei? Bei eins? Oh Gott, ich werde niemals daheim ankommen!“
  • „MussaufsKlomussaufsKlomussaufsKlooooooooo… War da jemand? Oh verdammt… zu spät. Es wird so warm auf dem Sattel… ach scheiße.“
  • „Schon wieder ein anderer Radler. Soll ich grüßen? Wie mach ich das – reicht ein Kopfnicken aus? Die Hand, wenn ja welche? Nicht einen Fuß, weil wir ja quasi Fußsportler sind? Lächeln? Oh, es ist eine Frau – dann nicht lächeln, das könnte sie falsch verstehen. Nichts tun, ignorieren – oder winken? WAS SOLL ICH TUN!“
  • „Ich möchte heeeeeeim es tut so weeeeheeee, mein Popo breeeeennt wähääähähä ich werde nieeeee wieder diese Creme vergessen mein Genitalbereich ist Feuueeeeeer! Kumpel, halte durch!“
  • „Zucker Wasser Wasser Zucker ich hab nichts mehr ich brauche aber was ich muss zur Tanke wieso ist HIER KEINE TANKE ICH VERDURSTE HRGJSKLDJFLDSK!“
  • „[… Leere … ]“
  • „Cool, ein weiterer Radler… Moment. DAS Fahrrad wollte ich auch! Nur gab’s das nicht mehr in meiner Größe, oarrr, kann mich mal da sag ich jetzt nix und wink auch nicht. Nö. Nö nö nö.“
  • „Eine Radlerin? Ach herrje bitte, das ist doch ein Männersport und außerdem können die Mädels eh nicht mithalten mit uns, so klein und kurze Beine und mädchenhaft wie die sind. Oh, ich glaube meine pinken Rapha-Socken rutschen…“
  • „Fuck. Fuck fuck fuck. Schon wieder alles eingekrustet. Ich-kann-meinen-Mund-nicht-bewegen. Verfluchte Salzkrusten im Gesicht. Hoffentlich sieht mich… uuuund da kommt schon jemand. Toll. Denkt sicherlich ich wär unverschämt. Ich will ja aber kann nicht! Hier, ich schicke telepathische Grüße! Da!“
  • „Gerade aus fahren. Einfach fahren. Alles gut. Festhalten am Lenker. Die 120km waren okay. Zuviel, aber okay. Ich werde leben, wenn ich jetzt nur nicht los lasse. Weiter, los, bleib wach!“

Und schon ist es doch gar nicht mehr so schlimm, dass XYZ nicht grüßt. Die haben’s eben auch nicht leicht. Und wenn ich in einem „Flow“ bin, dann kann ich auch nur kurz nicken – volle Konzentration auf die Straße, den Gegenverkehr und den Wind. Zumindest ich werde immer grüßen, egal wie. Aber ich will höflich sein und kein Arschloch. Oder Bitch. Wie eben alle anderen, die nicht grüßen. Und manchmal darf man das dann auch sein, wenn es nur heißt, dass man nicht grüßt.

14 Antworten zu “Arrogant, unhöflich oder gar nicht bös gemeint? Wenn Radfahrer nicht grüßen

  1. Manchmal kann ich es kaum glauben, wenn tatsächlich die Mehrheit mal grüßt. Das war vor einigen Jahren noch ganz anders – als man auch kaum Frauen auf den Straßen sah. Wir grüßen uns übrigens eigentlich immer. Naja, die Herren, wer weiß, was in ihnen teilweise vorgeht. Aber zum Glück sind die meisten mit sonnigem Gemüt unterwegs und heben kurz einen Finger oder deuten ein Nicken an.

    Ich glaube, manche sind zu cool zum Grüßen. Fällt mir übrigens meist bei Triathleten auf. Gestern erst wieder. An einem knapp zwei Meter breiten weg waren einige nicht im Stande zu grüßen. Man fährt sich da quasi um.

    Ein wenig wie beim Laufen. Da schaffen es mittlerweile auch immer weniger. Aber selbst wenn ich vor Erschöpfung sabbere, bekomme ich die Hand doch hoch?!

    • Die Coolness, die der Freundlichkeit im Weg steht. Finde ich auch, leider. Habe am Wochenende mit einem Schweizer gesprochen, der meinte, dass hier das Nicht-Grüßen sehr stark präsent ist. In der Schweiz grüße man alles und jeden, egal ob auf Traktor, Rad oder zu Fuß.
      Was ich allerdings nicht verstehe, sind die Blicke, die auf einen geheftet sind. Sehen die, dass ich den Mund/Hand bewege? Oder sind sie fassungslos ob der Tatsache, dass da jemand anderes auf der Straße radelt? Oder halluzinieren die und sehen statt meiner einer eine rennradfahrende Cola? 😀
      Wer aber kaputt ist, im Tunnel ist, powert ohne Ende oder im strömenden Regen nur noch heim will, der ist – finde ich – entschuldigt.

  2. Kann ich zu 100% unterschreiben. Du sprichst mir aus der Seele!
    Es wird Zeit diese ganzen Gruß-Muffel mal richtig zu erziehen! 😉

  3. Nachdem ich deinen Artikel gelesen habe, habe ich doch gestern tatsächlich mal vermehrt darauf geachtet. Und du hast recht. An sich dachte, dass Radler ja so eine Art eingeschworene Gemeinschaft sind. Pustekuchen.

    Nachdem uns gefühlt 3/4 der Radler völlig ignorierte, rumpelte mir zu allem Überfluss noch einer mit seinem Rad gegens Bein. Ohne eine einzige Reaktion.

    Ich finde, dass egal ob Radler oder Läufer, wenigstens ein winzig kleines Lächeln übrig haben sollten.
    Ich grüße und zwar immer.
    Manchmal bin ich aber tatsächlich überrascht, wie viele davon noch irritiert sind. Meistens aber freudig irritiert.

    • Hihi, ich kenne das. Dachte auch, dass man schon zusammen halten muss – wir kämpfen ja alle auf der Straße etc. 😉
      Ich lächel immer und grüße immer, wenn ich nicht in einem überlebenswichtigem Kampf mit mir selber bin. Dann sieht man mir das aber denke ich auch an.

      Das freudig Irritiertsein ist schön – das soll so sein! Vielleicht lernen sie es dann erst richtig?

      Aber auch bei den Radlern gilt: Arrogante Deppen sind überall dabei. Und nette, grüßende Ausnahmen bestätigen die Regel.

  4. wichtig: zumindest nicken! auf landstraßen wird immer gegrüßt. und wenn man gut aufgelegt ist, hat lächeln und ein leichtes neigen des kopfes beim nicken eine unglaubliche wirkung beim gegenüber. und wenn man jemanden auf der straße einholt, oder eingeholt wird, ist ein verbaler gruß pflicht. zumindest mMn.

    aber mein schlechtes gewissen plagt mich manchmal… wien, donauinsel: unzählige menschen auf rädern. die kann man nicht alle grüßen. politisch unkorrekt grüße ich da nur, wenn ein renn- oder tria-rad entgegenkommt. und da oft nur das nicken.

    • Auf Landstraßen sowieso, ein Nicken, Lächeln oder sogar Winken ist doch immer drin. Aber auch letztes Wochenende wieder musste ich einem Radler, der mein „Servus!“ wohl nicht zuordnen konnte, ein „Servus hab i gsagt!“ hinterherbrüllen. Da kam ein zartes „Hallooo…“ zurück. In der Stadt ist das fast nicht möglich, man wird ja sonst zum Wackeldackel.

  5. ich hab mein tolles rad erst seit montag und heut eine tour gemacht, ich war geradezu überwältigt..einfach so in die „riege“ aufgenommen worden zu sein, klar, ich war schnell..aber schon etwas gerührt..“waas, ich, oh“, zaghafter gruß zurück.echt toll!

  6. Pingback: Rebekka Kirsch - aka Running Cherry - im Interview·

  7. Also es kommt schon mal vor, dass ich auf ruhiger Landstraße so im Gedanken bin, dass ich jemanden einfach nicht „sehe“, der mir entgegenkommt. Wenn ich aber jemand registriere, bzw. Blickkontak habe, dann grüße ich auch irgendwie. Wenn ich Oberlenker fahre beschränkt sich das aber meist auf das Heben des Zeigefingers. Zurückgegrüßt werd ich meist immer, wobei das am Land wohl noch anders ist.

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