Ich laufe um abzunehmen vs. Ich nehme ab, weil ich laufe

Ich schätze, dass ca. 95,64% mit dem Laufen anfangen, weil sie abnehmen wollen. Eine Bikinifigur erarbeiten oder wiederfinden wollen. Das wabbelige Etwas (gerne Bauch, Oberschenkel und Hintern) soll in ein muskulöses sexy Etwas verwandelt werden. Und da das Laufen die natürlichste, einfachste und am einfachsten umgesetzte Bewegungsform alias Abnehmform ist, wird das eben genommen. Gezwungenermaßen. Man hat ja so Laufschuhe im Schrank. Also Sneaker. Also so Schlappen auf denen das Asics oder Nike-Logo drauf ist. Das reicht. Und schon wirft man sich, meist im Frühling beginnend, in die Laufumwelt. Also alles was „draußen“ ist. Man läuft und läuft, manche als Naturtalent, andere mit Startschwierigkeiten (und vor allem Atemschwierigkeiten), aber es wird tatsächlich gelaufen. 

Schritt für Schritt. In einer der unendlichen Frauen-Magazine wird gesagt „Die Fettverbrennung, welche notwendig ist, um die lästigen Pölsterchen zu eliminieren, setzt bewiesenermaßen erst nach 30 Minuten moderater Bewegung ein. Also liebe Damen, lieber langsam und lang, als schnell und kurz. Mit diesem 6-Wochen-FitnSexy-Programm können Sie sich innerhalb 4 Wochen von Ihrem natürlichen Körperbau in ein 1,90cm-D-Cup-Model verwandeln. Lesen Sie jetzt wie!“ So unglaublich logisch, dass die Enttäuschung dann umso größer ist, wenn genau das versprochene nicht passiert. Man hätte doch nur 3mal die Woche 45 Minuten gemächlich laufen müssen. Und die paar Übungen machen sollen. Ich werfe gerne mit Worten wie „Kontinuität“, „Individuelle Muskelaufbaufähigkeiten“ und „Kalorienverbrauch EinmalEins“ um mich.

Von denen, die mit dem Laufen beginnen, gibt es zwei Sorten. Jene, die irgendwann wieder aufhören und dann wieder mal anfangen. Und wieder aufhören. Je nachdem, ob Bikinifigur her muss oder das Wetter zu kalt ist. Und dann gibt es solche, die sich in das Laufen etwas verliebt haben. Weil Laufen nicht nur eine Kalorienverbrauchmethode ist, sondern mehr. Mehr? Genau, mehr. Man entwickelt sich, sieht Fortschritte und Erfolge. Man lernt abzuschalten, in „Ruhe“ nachzudenken und für sich zu sein. Man entdeckt die Welt für sich, lernt die Vorzüge von unterschiedlichsten Wetterlagen kennen, sieht Kleinigkeiten, die einst verborgen waren, und man wird etwas süchtig nach der Luft. Natürlich ist man auch noch etwas geil, auf dieses…  Laufgefühl.

Das Gefühl vor dem Laufen, wenn man den inneren Schweinehund bekämpft und sich auf die eigene Luxuszeit freut, neue Laufschuhe schnürt, das weiche neue Laufshirt überstreift, seine Laufmusik im Ohr schon hört. Wenn man läuft, brennt die Lunge, der Atmen geht mal schneller und mal langsamer, man lernt ihn zu kontrollieren, die Beine fliegen, der Boden knirscht, die Bäume rauschen, die Vögel zwitschern, der Wind ist kühl, kalt, frisch, schneidend, der Schweiß tropft und man passiert die Welt im eigenen Tempo, getragen von sich selbst – egal wohin. Nach dem Laufen durchströmt einen Glück, Stolz, frische Luft, der Kopf glüht, das Herz schlägt gegen die Rippen, die Füße sind ungewohnt ruhig, man sieht sich um und ist zufrieden, zufriedener, erledigt und es ist ein gutes Gefühl, da man etwas geleistet, geschafft, erobert, erkämpft und gemeistert hat. 

Wer läuft, und das nun beständig macht, der läuft nicht mehr um abzunehmen. Der läuft, weil das Laufen ein Teil des Lebens geworden ist. Und breaking news: Wer läuft, der nimmt ab. Nicht immer, hier werfe ich gerne wieder „Kalorienverbrach EinmalEins“ in den Raum, aber wer läuft, der denkt an andere Dinge. Klar, abnehmen ist wenn es wichtig ist, ein präsenter Gedanke. Vor allem wenn man sich in kurzen Laufhosen oder Lauftights sieht und sich denkt „Oha, des is ja net wirklich schee“. Das ist ein unfreundlicher Reminder daran, dass es nicht von heute auf morgen passiert. Das Abnehmen, nur weil man läuft. 

Laufen verbrennt Kalorien. Schön und gut. Wer läuft tendiert aber auch dazu etwas mehr zu essen. „Ich war ja laufen, daher darf ich das.“ denken sich manche. Was ja auch stimmt. Generell darf man immer, aber wer Kilos purzeln sehen möchte in den nächsten Monaten sollte sich klar machen, dass es nur geht wenn man mehr verbraucht als dass man Kalorien zu sich nimmt. Einfachste Regel, goldenste Regel. Das heißt nicht, dass man Kohlenhydrate eliminieren sollte. Aber auf schlechten Zucker etwas mehr verzichten, Fastfood den Rücken etwas mehr zukehren, anstatt mit übermäßig viel Kohlenhydraten lieber mit Obst und Gemüse hantieren und lieber Wasser statt Säfte, Cola & Co. schlürfen. Wer sagt denn was gegen so ein Tagesablauf:

  • Haferbrei mit Quinoa, Erdbeeren und Zimt
  • Salat mit Avocado, Tomaten, Shrimps, Gurken und 2 Scheiben Brot
  • Snack Chai-Latte und Zartbitterschoki
  • Pastapfanne mit Zucchini-Aubergine-Ziegenkäse-Tomaten-Mix

Es soll schmecken, daher muss jeder für sich entscheiden, was man will und nicht will. Übrigens kann man den Körper umgewöhnen. Ich habe früher eine 500gr-Packung Nudeln gegessen. Alleine. Als Essen. Weil mein Bauch das gewöhnt war und ich einfach sehr viel gegessen habe. Man kann sich das antrainieren und wieder normale Portionen als sättigend empfinden. Was der Kopf einem so erzählt ist was anderes, aber auch da hilft das Laufen und viel Trinken. 

Schön ist es auch sich das einmal vor Augen zu führen: Was wäre wohl gewesen, wenn man nicht zum Laufen angefangen hätte? Wäre man dann so wie man jetzt ist? Eben, wohl eher nicht. Und je mehr man läuft, je länger die Distanz, je öfter, desto mehr verbrennt der Körper und man hat mehr Möglichkeiten mehr abzunehmen. (Hust, aber auch umso größer ist der Hunger danach auf… alles. Zu Recht aber 😀 ) Unterstützend hier ist dann aber auch das Einbauen von Kräftigungsübungen, Stabilitätsübungen und Muskelaufbau. Muskeln verbrennen nachhaltiger und länger, formen und werden beim Laufen auch noch gebraucht – nein, nicht der Megabizeps, aber Rumpfstabilität zum Beispiel. Wer schon läuft hat das ordentlich gemacht, in Kombination von Übungen stärkt man die Muskeln die man sich durchs Laufen erlaufen hat und stärkt weitere, die dann auch teilweise durch das Laufen mittrainiert werden können. Eine 10km-Laufeinheit lässt sich danach mit einem Set wichtiger Dehnübungen plus BBP-Übungen kombinieren – wenn man den Hintern denn trainieren will. 

Oftmals denkt man als Läufer nicht so sehr an das Abnehmen, sondern eher an Fragen wie „Wie verbessere ich meine Zeit“, „Wo gibt es noch weitere tolle Trails“ oder „Soll ich mir noch ein 8. Laufschuhpaar holen oder doch den Trinkrucksack?“. Man findet sich heiß, sexy, awesome, sportlich, cool, erfolgreich und lebendig – weil man eben läuft. Wen kümmern da so festgefahrene Schönheits-Ideale? Was will man denn mit unspaßigen Momenten im Fitnessstudio, eingesperrt, wenn man draußen durch die frische Sommerluft laufen könnte? Wieso sollte man denn ständig Kalorien zählen, wenn man gerade 2 Stunden durch den Regen gelaufen ist? Wieso sollte man sich denn weniger schön fühlen, wenn man fünfmal die Woche 6km durch die Stadt laufen kann? Und was reden eigentlich alle anderen über wie man auszusehen hat, was man anzuziehen hat und was der ideale Körper ist? Am Ende entscheidet man selber wer man ist und wie man aussieht – und wenn man das für sich entscheidet und akzepiert wird’s auch jeder andere kapieren. Wer abnehmen will, soll das tun. Wer in einer Badewanne voller Toffifee baden will soll das tun. Wer lieber Couchpotatoe als Rennsemmel ist, der soll das sein. Wer 5km läuft, der läuft genauso wie jemand der 20km läuft. Jeder ist so wie er eben ist, das gilt übrigens auch für die Körperstatur. Jeder nimmt anders ab und läuft anders. Jeder hat andere Ziele, Beweggründe, Fragen und Probleme. Wie gut, dass wir Läufer wenigstens eines gemeinsam haben: Wir lieben das Laufen. Das reicht doch.

 

Eine Antwort zu “Ich laufe um abzunehmen vs. Ich nehme ab, weil ich laufe

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