Halt’s Maul und lass mich in Ruhe laufen

Laufen ist ja cool. Und macht Spaß. Und ist allgemein einfach toll.

Natürlich schwitzt man dabei. Man fummelt sich in komische Laufklamotten. Läuft meist nicht in allbekannten Weltmeistertempo durch die Straßen. Aber who cares. Man selbst freut sich über das Schwitzen, denn das heißt, man fordert seinen Körper gerade heraus. Und komische Laufklamotten gibt es nicht, man fühlt sich eher furchtbar cool und heldenhaft in voller Laufmontur. Und das Weltmeistertempo läuft man immer, denn es ist das eigene Weltmeistertempo das hier zählt und auch das Schwitzen verursacht, das Heldengefühl und das Verliebtsein in Laufausstattungen hervorruft.

Aber dann gibt es die Arschlöcher. Nun, ich mag sie nicht so nennen, denn sicherlich sind es nette Menschen auf dem Planet der Arschlöcher, aber fühlen sich hier auf der Erde etwas fehl am Platz. Die verstehen das dann eben nicht. Gut, gut. Nicht verstehen ist ja vollkommen in Ordnung, ich versteh‘ auch keine Fußballfans oder Dressurreitfans. Aber ich respektiere die Sportarten und die Fans und alles was dazu gehört. Das machen die Arschlöcher nicht.

Die geben Sprüche wie „Wieso – is doch nur laufen“ oder „Und auf so 10km musst du trainieren?Hahaha.“ von sich. Die sind der Meinung dass dickere Menschen sowieso nicht sportlich sind, Männer allgemein in sportlichen Themen vorne stehen und es nur die eine Sportart, die Ruhm&Ehre verdient, gibt. Dass sie selbst nicht aktiv sind, schert die keinen Dreck. Wenn sie könnten, oh ja, wenn sie nur wollen würden, dann… haha, ja dann würde man blöde dreingucken. Und das glaube ich denen sogar, denn bei der Vorstellung Person X 3 Stunden lang durch die Ammersee-Trails zu jagen, würde ich sogar noch lachen, wenn der Notarzt wegen ihm vorfährt.

Kommentatoren auf Straßen, an Wegrändern, an Haltestellen, überall. „Ey, der Rucksack is‘ zu klein für dich! Ey, Kleine!“ oder „Laufen ist jetzt wieder in, da tun jetzt alle so – wie die da jetzt“ oder „Boah bist du voll pink, Tusse!“. Das sind Kommentare, die mich sofort dazu bringen auf Stumm schalten zu wollen. Warum lauf ich nochmal ohne Menschen um mich herum? Und warum lauf ich in gewissen Gegenden nur mit Musik? Ja, auch wegen der Autos.

Heute beim Nachhauselaufen mit Rucksack und Feierabendgemüt war wieder ein Paradebeispiel präsent. Hätte ich nicht gebraucht, aber was soll’s, offenbar gehört es dazu. Zum Laufen. Und zum Laufen als Frau. Ich laufe also. Bleibe stehen, weil ich keine Ahnung habe wohin ich muss, was an meinem fehlenden Orientierungssinn in einer Stadt bei Nacht liegt. Stehe also an der Ecke, warte bis mein Google Maps lädt und höre Musik. Und schwitze. Und atme – etwas intensiver. Dann kommt über die Straße ein Kerl, etwas brunzblöd dreinblickend und redet. Ich denke erst einmal „Hui, der will mir die Richtung sagen“ und pfrimel die Kopfhörer aus dem Ohr. Mit einem freundlichen Blick und einem „Kannstedasnochmalsagen“-Hm. Er bleibt stehen und grinst blöde, entblößt alles andere als gepflegte Zähne zwischen seinen wulstigen Lippen. „Naaa Kleine, haste endlich mal deine 5km geschafft, hä?“ Dabei wandern seine Augen einmal hoch und runter. Blödes Grinsen. Meine Faust zuckt, mein Mund ist leicht offen, perplex, will grad „Ne, eher 15“ sagen, dann denk ich, dass es ihn nichts angeht. Nichts. Ich schalte auf Sarkasmus und säusel ihn mit „Jaaaa, vooooll toooooll“ an während in meinem Kopf imaginär mein Knie in sein Gesicht wandert.

Den Mittelfinger zeigen und „HDF“ sagen hätte auch gereicht. Aber ich bin und bleibe sprachlos, wenn soetwas passiert und im Nachhinein brodelt es dann in mir. Ist einerseits gut für die Laufgeschwindigkeit. Andererseits gut für ihn. Trotzdem: Muss denn soetwas sein? Es ist wie das Thema jemanden erklären zu müssen, dass man läuft. Also halt läuft. Ne, kein Fitnessstudiotraining. Laufen. Ja, das mit den Füßen. Ne, nicht im Studio. Ja, draußen und nicht nur im Sommer. Mhm, das ist Sport für mich.

Wenn andere Sportler Läufer „dissen“ denke ich mir, dass von Sportlichkeit hier nicht die Rede sein kann und der gute Mensch mal ordentlich ausgepowert werden sollte. Vielleicht bei einem guten Intervalltrainingslauf. Wenn Nichtsportler der Meinung sind Läufer „dissen“ zu müssen schalte ich auf Arrogant. „Du faule Sau, die du nur dein Maul aufkriegst, um andere zu beleidigen und dich daran zu erfreuen, dich würde ich gern herfotzen. Bewegst dich nicht, machst kein Sport, schaust via Fernseher über deinen Tellerrand, hast deine Höhepunkte deines Lebens beim seltenen Sex und bist irre schnell im Schubladendenken. Bravo. Mach doch was du willst, aber bitte: Halt’s Maul und lass mich in Ruhe laufen.“

P.S.: Arschlöcher fallen auf. Aber der größere Teil der Menschen ist nett, respektvoll, menschlich.
P.P.S.: Arschlöcher sind geschlechterneutral. Es gibt sie in Weiblich und in Männlich und in allen Altersklassen.

2 Antworten zu “Halt’s Maul und lass mich in Ruhe laufen

  1. Bei solchen Kommentaren ist sicherlich auch Frust über die eigene Lahmarschigkeit mit dabei. Wohne selbst auf dem Dorf und laufe meist durch den Wald, wo ich niemanden treffe. Am Anfang kamen ähnliche Sprüche von der lieben Nachbarschaft, wenn ich die letzten Meter zu meiner Haustür zurücklegte. Mittlerweile folgen sie alle weise und neidisch dem HDF-Motto. Denn mehr als Sonntags Fußball und zur Mehrzweckhalle pilgern, wenn Fastnacht oder Oktoberfest ist, ist bei denen halt meist nicht drin. Ich verallgemeinere natürlich ganz schrecklich.

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