Von den magischen 30 und dem Erwachsensein

30. Ein Alter das gefürchtet wird. Es läutet ein neues Jahrzehnt ein, in welchem soviel zu passieren hat, dass man glücklich sein muss, wenn man die 40 Kerzen auf dem Kuchen dann ausbläst. Diese magische Zahl 30 schließt soviele Türen im Leben, dass man das Gefühl hat in einer Sackgasse zu enden – würde diese Zahl nicht auch noch andere Türen öffnen, ob man sie geöffnet haben möchte oder auch nicht. Aber das ist eines der Geburtstagsgeschenke, die man erhält, wenn man eben 30 wird.

Ich merke, dass sich dabei viele Türen geschlossen haben. Ich bin erwachsen. Ich muss jetzt erwachsen sein. Die Zeiten, in denen ich einfach so drauflos gelebt hatte, die nächsten Jahre eher freudig als geplant erwartet habe und mich mit „Wenn ich mal groß bin, werde ich Feuerwehrfrau“ vorgestellen konnte – diese Zeiten sind vorbei. Es waren schöne Jahre, die letzten 29 Jahre und 364 Tage. Dieses nächtliche Pferdestehlen, das spontane Abenteuersuchen, das im Regen durch Pfützen springen, das heimliche Pflücken von Äpfeln im Garten eines Fremden, das Schnee-Essen während die Flocken fallen, das leicht sabbernde Schlafen am Steg in der Sonne, das Ignorieren irgendwelcher Essensregeln, das Bejubeln von Seriencharaktern, das Sammeln seltsamer aber innig geliebter Dinge, das Blumenpflücken auf Sommerwiesen, das Essen von Wassermelonen sodass man ebendiese überall im Gesicht hat, sommerliches Kirschkernweitspucken, vierstündiges Frühstücken allein im Bett, das Einschlafen mit Hörbüchern. Für all das hatte ich soviele Jahre Zeit und habe es genossen. Für all das und noch so unglaublich viel mehr. Man könnte sagen, es wäre die beste Zeit meines Lebens gewesen, das Nicht-Erwachsen-Sein. Aber den Großteil meines Lebens habe ich ja noch vor mir, daher kann ich das nicht wirklich behaupten.

Jetzt gibt es Zeit für andere Dinge, die sicherlich genauso schön, toll, wichtig, erfüllend und einzigartig sein werden. Die Suche nach „dem Einen“, die Liebe des Lebens, dem Vater meiner Kinder. Alleinsein wenn man alt wird und erwachsen sein muss, ist ja doof. Auf Dauer ist Einschlafen und Aufwachen allein nicht das, was man möchte. Und diese Liebe des Lebens ist alles andere als einfach zu finden, aber das Schöne an diesen 30 ist ja, dass es allen anderen ebenso geht. Man sucht sich, man findet sich, man will dieses gemeinsame Leben. Es ist eine neue Phase, aber die nächsten Jahre sind dafür da, diesen ganz speziellen Einen meines Lebens zu finden. Und dazu dann die Traumhochzeit. Ich bin ja nicht allzu kitschig, aber Heiraten ist einfach ein Muss. Das offizielle Ja-Wort geben, das Teilen eines romantischen und einzigartigen Tages. Das Wissen, dass wir jetzt für immer zusammen sein werden. Das Kuchenbuffet. Aber vor allem das öffentliche Zeigen unserer perfekten Liebe.

Denn dann steht das Thema Kinder an. Will ich Kinder? Brauch ich Kinder? Kann ich Kinder haben? Alles Fragen, die sich mir aufdrängen und die ich nicht mehr verbergen kann. Ich bin jetzt erwachsen, darf kein Kind mehr sein, daher möchte ich meinen Kindern das Leben schenken – Kindsein ist eben schön. Fragen über Fragen tun sich da natürlich auf, denn es ist so ein riesiges Kapitel, dass es sich für den Rest meines Lebens über erstrecken wird. Ob ich will oder nicht. Die Erziehung, die Finanzierung, die Freude auf das Muttersein, das gemeinsame Durchstehen der anfangs besonders stressigen Zeiten, die Erfüllung, wenn das Kind wächst und lacht und läuft. Aber dafür tickt meine Uhr, die vermeintliche biologische Uhr. Die nächsten zehn Jahre werden durchgetaktet sein, voller neuer Kapitel, voller neuer Menschen – auch mit von mir gemachten Menschen, haha – und voller Herausforderungen. Das alles lässt mir keine Zeit für das, wie ich die letzten 29 Jahre war. Wer ich die letzten 29 Jahre war. Und das ist gut so, denn es ist eben so wie es ist. Möchte ich die einzige sein, die alleine ist, keine Kinder hat, keinen klaren Lebensweg gefunden hat? Da kann ich nur den Kopf schütteln.

Aber es wird auch Zeit ein Zuhause zu finden. Eine kleine Bude, in der man noch das Zimmer untervermietet – das geht nicht mehr. Das war cool, als ich jung war, aber jetzt so als Erwachsene ist es auch wieder gut. Eine größere Wohnung muss her. Außerhalb der Stadt, aber nicht zu weit weg. Ein Haus eventuell, aber das wäre etwas, was ich mir mit der Liebe meines Lebens, die hoffentlich genau dieselben Ziele wie ich sie habe verfolgt, dann leisten würde. Ein Auto, um die Einkäufe zu machen, die Kinder von A nach B zu bringen. Vielleicht noch ein zweites Auto, denn mein Ehemann braucht ja auch eins. Das sind große finanzielle Entscheidungen, was mich zur nächsten wichtigen Entscheidung bringt: meine Karriere. Will ich überhaupt Karriere? Muss ich arbeiten, darf ich arbeiten, kann ich arbeiten? Was genau will ich arbeiten und wie lege ich jetzt bereits die richtige Grundlage dafür, sollte ich vom Agenturleben eventuell in ein Unternehmen wechseln, die Familien total unterstützen? Ich bin ja nicht der Fan von viel Arbeit, sondern meine Liebe zu meinem Mann und unseren Kindern, deren Erfüllung ihrer Lebensträume, ist das, was mich glücklich macht. Deswegen freue ich mich so sehr auf die nächsten 10 Jahre, in denen soviel passieren wird. Muss. Soll. Ein bisschen traurig winke ich dem Ich der letzten knapp drei Jahrzehnte nach…

Ich lache.

Lang und leicht hysterisch, wische mir die Lachtränen aus den Augwinkeln und werfe das Frauenmagazin „Donarella“ mit dem Beitrag über „30 – und das Leben wird ernst“ über den Rand der Badewanne. Ein bisschen eingetunkte habe ich das Magazin sowieso, aber nachdem es solche Inhalte aufweist, ist das auch garnicht so übel.

30. Ein Alter, das ein Jahr mehr ist, als das vorher. Wow. Ich kann mich noch an die Werbung für Faltencreme erinnern, Produkte für die reife Frau. Urlaub, für die Frau von heute, die sich nichts sagen lässt. Die Karriere-Mama, die ihrem Mann den Rücken stärkt und mit nur zwei Stunden Schlaf auskommt. Die vollen BBP und Bodyburn-Kurse im Fitnessstudio. Die Freundinnen, die jetzt nicht mehr lange rumfackeln wollten und ganz einfach den nächsten Typen, der Heirats- und Kinderfreudig war, eingetütet haben. Die, die den obigen Text leben und lieben und absolut und vollkommen glücklich damit sind.

Ich greife nach meinem Rotweinglas in der Wanne, im Sommer wird es wieder Zeit für Radler in der Wanne. Auf dem Laptop läuft eine Folge von Doctor Who, eine von vielen, die ich fast schon alle mitsprechen kann und dennoch nicht müde werde, mir das immer und immer wieder anzuschauen. Letztens habe mich auf ein Moosbeet gelegt und wäre fast eingeschlafen. Letztens habe ich in Highheels und Cocktailkleid Cup Cakes vernichtet, sodass ich Creme überall im Gesicht hatte. Letztens habe ich entdeckt, dass „Ruronin Kenshin“ auf Netflix ist und mich mit Chips und Cola und das Intro mitsingend auf die Couch verkrümelt. Letztens war ich nach 2 Jahren wieder in einem Club, um zu merken, dass die Musik scheiße und die Menschen noch viel scheißerer sind. Letztens habe ich gemerkt, dass Regenschirme bei Nieselregen vollkommen überbewertet sind.

Ich freu mich auf die nächsten 30 Jahre, wie wahnsinnig freue ich mich darauf. Mein Buch, dessen Seiten sich von Tag zu Tag, von Woche zu Woche mit neuen, spannenden Herausforderungen und Geschichten füllt. Die nächsten 30 Jahre krieg ich vielleicht raus, wie dieses „Erwachsensein“ geht. Oder auch nicht, was ich jetzt garnicht so schlimm fände…

17 Antworten zu “Von den magischen 30 und dem Erwachsensein

    • Im Prinzip tatsächlich. Manchmal ist es wirklich so, dass man eine Minute des Wachwerdens hat und sich wundert „Ich dachte, dafür muss man erwachsen sein?!“ – bis man dann beim Autofahren wieder bei „Wonderwall“ mitjohlt oder beim Playstation-Zocken seinen Charakter anfeuert. Wär doch alles doof, so ohne das alles.

  1. Ein sehr schöner Text, danke dafür. Ich habe ihn gelesen und mich in so vielen wiedergefunden. Nur Feuerwehrfrau oder -mann wollte ich nie werden und Pferde konnte ich schon aus Allergiegründen nicht stehlen. Aber dann, als ich fertig war, habe ich mich gefragt: Warum sollte das alles zu Ende sein, bloß wegen einer Zahl? Darf man mit 30 oder 35 oder 40 oder 60 nicht immer noch Hörbücher zu Einschlafen hören? Schnee essen, während die Flocken fallen? Vier Stunden lang allein im Bett frühstücken? Ich bin lange nicht mehr 30 – und ich mache das immer noch. Und: Es macht immer noch Spaß. Vor allem aber beißt es sich nicht mit all den Dingen, die da von sich aus kommen, wenn man älter wird. Mit den Notwendigkeiten. Mit den Pflichten. Aber all das geht nicht einfach weg. Es sei denn, wir schieben es beiseite. Insofern wünsche ich Dir: Behalt das bei. Es macht viel zu viel Spaß.

    • Danke dir für deine tollen Worte – ich stimme dir in allem zu. Und ich wollte damals ja Bücherschreiberin werden, das werd ich aber noch. Und Ronja Räubertochter wollt ich auch werden, bin ich sogar wenn ich auf dem Rad im Wald bin. Ach, alles ist machbar solang man sich nicht irgendwelchen Regeln beugt á la „Das macht man halt, wenn man xy alt ist“. Und ja, ich werd das alles auch weiterhin machen, egal wie alt oder mit wem. Du, mach weiter – ich denk du hast es raus 🙂

  2. Schöner Text. Bleib einfach wie du bist und werde glücklich. Glücklich kann man auch mit Kuchenresten im Gesicht und am Teich in der Sonne liegend werden.
    Haus, Hof und Auto machen nicht zwingend glücklich. Kinder sind allerdings toll, ich möchte meine nicht mehr hergeben, nimmt ja aber eh keiner 🙂
    Vielleicht findest du ja einen Mann der mit dir zusammen nicht erwachsen sein will, die soll es geben hab ich gehört.
    Alles Gute nachträglich, glaube mir 30 geht noch, 35 ist mies 😉

    • Haha, danke dir! Ich schreib dann mit 35 den nächsten Text 😉 Ja, solang man glücklich ist, ist es die richtige Sache – egal mit Barfußlaufen durch Wiesen oder ohne.

      • Eben. Mach nicht was anderen sagen, bleib du selbst. Ist leider schwer genug.
        Ich glaube ein Wassermelonengesicht macht dich doch auch deutlich sympathischer als ein ernster Blick.

      • Ja, nicht einfach, aber machbar. Und es ist schön zu hören, dass du auch so weiter machst 🙂 Wassermelonengesichter sind immer gut, auch Raddreckgesichter.

  3. man kann auch mit 30+ alles machen was man will 😉
    Auch erstmal alles gute nachträglich!
    Alles hat seine Zeit und ergibt sich, wenns dafür Zeit ist. Das mit Kindern berichte ich denn, ob mans will oder lieber noch warten sollte 😀

    • Hoffentlich auch mit 60+ 😀 Ja, werdender Papa – ich bin gespannt wie es dir geht, aber wünsch dir und deiner Familie alles Gute für’s Septemberkindl 🙂

  4. I love this Blogbeitrag. Und, passenderweise, mein Lieblingszitat: „Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch.“ von Erich Kästner. Auf unsere nächsten 30 Jahre. Und die 30 darauffolgenden. Und dann nochmal 30. 😉

  5. Das einzige, was sich mit den Jahren wirklich ändert, ist der eigene biologische Zustand und die Tatsache, dass wir weniger Zeit übrig haben. Alles andere findet im Kopf statt. Das reicht aber auch schon 😉

    Bei dem Artikel musste ich an den alten Song Sunscreen denken: https://youtu.be/sTJ7AzBIJoI. Eigentlich ist der Text aus einer Abschlußrede, aber es passt auch noch für die 30, finde ich. Und bisher kann ich nur jedes Wort bestätigen. Happy birthday!

  6. Zunächst, alles Gute nachträglich.
    Da ich etwas Altersvorsprung habe, darf ich sagen, das alles kann/soll/darf/muss man auch machen wenn man die 30 hinter sich hat.
    Erwachsen sein bedeutet eher, all dies zu tun und sich nicht mehr kindisch dabei vorkommen sondern wissen, Leben ist das was wir jeden Tag haben, jeden Tag.

  7. Was für ein wirklich wunderbarer Beitrag, den ich nun endlich mal ganz in Ruhe lesen konnte. Gefühlsmäßig bin ich irgendwie bei den 17 hängen geblieben, auch wenn ich mich schon bedeutend älter fühle. Dennoch sehe ich es absolut nicht ein, dass in irgendeinem Alter irgendetwas einfach nur aufgrund des Alters vorbei sein soll. Wenn sich etwas nicht schickt, dann soll das ein Thema für die anderen sein. In Sachen Sport war ich schon all zu oft genervt, wenn die Frage auftaucht, wie lange sie das bitte so noch machen möchte oder schlimmer noch, in ein, zwei Jahren ist das auch bei ihr vorbei. Mittlerweile bin ich so viel Älter und immer noch fröhlich dabei… Einfach so bleiben, wie man ist, wenn man so sein möchte. Das wünsche ich dir auch!

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