Radfahren vs. Laufen – Der Tag an dem ich mich zweiteilen wollte

Ich laufe sehr gemütlich vom Bahnhof Gmund in Richtung Neureuth, um dann die Neureuther Alm zu erklimmen. Also zu erwandern. Mit surrenden Speichen flitzen einige Rennradler an mir vorbei, zwei Kilometer später wieder zwei Jungs auf Rennrädern. Ich sehe ihnen nach und weiß ganz genau, was Sache ist. Die kommen gerade aus München oder Umgebung und begrüßen den türkis-blau da liegenden Tegernsee mit luftiger Schnelligkeit. Die Beine brennen etwas, die Lunge pocht und derjenige, der das Tempo angegeben hat lässt gerade einfach mal Rollen. Ich weiß, dass die zwei auf dem Weg zum See sind und sich da eine Abkühlung holen. Ich weiß auch, dass sie vielleicht weiter fahren, die Valepp hoch oder über Kreuth zum Sylvensteinspeicher. Mit einem Blick auf die Uhr kann es aber auch sein, dass sie einfach nur eine Runde drehen und wieder zurückfahren, eine schöne 150er Runde bei tollem Wetter und drohender Gewittergefahr. Aber erst einmal, egal wie nah das Unwetter sein mag, ein Radler oder Cappuccino und kurz pausieren. Es ist ja schließlich auch Sonntag.

Das geht mir durch den Kopf. Meine Beinchen tragen mich eher widerwillig in Richtung Aufstieg zur Neureuther Alm. Es macht keinen Spaß, es ist brüllend anstregenden und mit jedem Schritt jammert mein inneres Ich „Hör auf! Leg dich hin! Sterbe ein bisschen!“, aber ich tapse weiter. Ich weiß, dass ich seit dem letzten Halbmarathon nicht laufen war. Ich weiß, dass ich vor dem letzten Halbmarathon nicht laufen war. Ich weiß auch, dass am 29.08. der Karwendelmarsch auf mich wartet. Und während ich auf dem asphaltierten Weg in Richtung grüner Wald und Berge laufe und so garnicht Freude daran finde, kommen die Zweifel. Und der Gedanke, dass ich diese Strecke hier durch „Niemandsbichl“ unbedingt mit dem Renner mal fahren muss. Da sind fiese Anstiege auch drin, aber eine super Aussicht.

Das Patschen der Schuhe auf dem Asphalt, der immense Mangel an Luft und das Wissen, dass es jetzt gleich bergauf geht, lässt mich sehnsüchtig gen See blicken. Da zu sitzen, in der Sonne, und die Füße im Wasser baumeln zu lassen… Oder den Berg einfach nur hoch zu wandern? Ich schüttel innerlich den Kopf. Wenn ich schon nicht trainiere, dann muss ich auch dafür zahlen. Beim Anstieg kann ich mich auf meinen Hochgeh-Rhythmus konzentrieren. Ich merke, dass es mir sagenhaft peinlich erscheint in Laufkleidung unterwegs zu sein. Ich merke auch, dass ich immer wieder anhalte, um die Lunge zur Ruhe zu bekommen und den Schweiß, der fast im Rinnsal das Kinn hinab fließt, abzuwischen. Das mit der Käppi aber war eine super Idee, meine Linsen erhalten heute mal kein Schweißbad.

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Der Forstweg zieht sich hoch, ein MTBler überholt mich, dann kommt die nächste, die lachend meint „Man ist mit dem Rad auch nicht wirklich schneller, was?“ Ich nicke, mit dem Rad würd ich hier wirklich nicht hochwollen und bedanke mich für meine Leichtigkeit. Laufen ist schon irgendwie Leichtigkeit und Unabhängigkeit. Während mich zwei Trailrunner überholen, die ohne groß Atemprobleme zu haben plaudernd an mir vorbeifetzen nach oben, verfluche ich mich. Oder eher den Berg. Der Karwendelmarsch wird so keinen Spaß machen. Wie soll ich das denn aushalten? Wie soll das denn gut gehen?

Der Tegernsee zu meinen Füßen gibt es eine Pause, dann laufe ich – ja, ich laufe, weil es beinahe eben ist – weiter rüber zur Gindelalm. Wie dieser Weg wohl mit dem Crosser zu fahren wäre? Denke ich und schwups ist da ein MTBler wieder. Toll, denke ich mir und gleichzeitig bemitleide ich ihn, denn das besonders hügelige Aufstiegsstück hatte er das Rad tragen müssen. Da war ich leichter – das red ich mir zumindest ein. Ich japse das steile Stück zum Kreuz hoch und finde dann endlich endlich die Freude am Downhilllaufen wieder, als es in die Senke geht. Hach, das macht Freude – aber etwas vermisse ich das Surren der Speichen… Moment! Das war beim Rad, mensch Kirsche!

Ich sitze bei der Kreuzbergalm, trinke mein Radler und peele Salzkrusten von meinem Gesicht. Ich merke, dass es mir Spaß macht – zum Teil. Aber auch, dass ich eine Lunge hab, die Anstiege nicht mag und vielleicht durch Training etwas glücklich zu stimmen wäre. Hier oben auf der Alm ist es ruhig, das Gewitter steht kurz bevor und die Natur zeigt sich von seiner eindruckstarksten Seite. Mit Nieselregen, Sonne rechts, schwarze Wolken links laufe ich dann wieder los. Runter runter runter.

Nach 4 Kilometer zicken die Beine und ich weiß, dass ich das nur beim Laufen habe. Beim Rennrad habe ich noch nie Schmerzen gehabt (außer am Arsch) und habe nie das Bedürfniss gehabt Natrium&Co mir zuzuführen, damit die Beine nicht dichtmachen. Ob ich beim Rennrad nie an meine Grenzen gehe? Bin ich dank der Gemütlichkeit, die ein Rennrad hervorruft eher immer unter meinen Möglichkeiten gefahren? Ich gönne mir ein Gel während ich über mein Rennrad und die Schönheit der von Regen glitzernden Umgebung nachdenke und meine Lunge sowie mein Herz sehr prägnant arbeiten spüre. Nach einer Weile geht es wieder, nach 20 Minuten sind die Beine wieder schmerzlos und ich finde diesen einen kleinen Trail wieder. Und bin hochglücklich, grinsend und quiekend bis über beide Ohren verliebt. Oh Gott, was macht das Freude. Die Anstrengung ignoriere ich, das schwere Atmen auch – es macht einfach zu sehr Spaß.

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Kaum schlagen meine Füße auf Asphalt tapse ich wieder, es wirkt harsch und ich sehne mich nach einem Rollen. Warum kann ich nicht rollen? Nun, ich könnte es, aber nicht ohne eine Gehirnerschütterung davon zu tragen. Ab zum Bahnhof, meine Körpertemperatur ist auf gefühlten 43 Grad Celcius angekommen und der Fahrtwind vom Rennrad wird vermisst. Am Bahnhof versuche ich mich zu Trocknen, aber nichtsdestotrotz stinke ich subtil nach Gipfelerklimmerin.

Beim Aussteigen suche ich kurz mein Rad, bis mir einfällt, dass ich heute laufend unterwegs bin. Ich fühl mich alleine, vermisse mein Rad. Das glückliche Pochen in den Beinen aber stimmt auch zufrieden, die Zweifel am Karwendelmarsch bleiben. Nächstes Mal mache ich einfach einen Duathlon, Asphalt auf dem Rad und Trails mit den Beinen. Auch wenn beides wohl langsam und schweratmend erledigt würde. Der Gedanke, dass es Zeit für etwas Training wäre lässt mich auch nicht mehr los. Sonst darf ich ja nicht jammern, es waren ja doch nur 17km und 700-nochwas Höhenmeter in 3 Stunden. Ach, Schnelligkeit war noch nie mein Talent… Nur was ist es dann?

6 Antworten zu “Radfahren vs. Laufen – Der Tag an dem ich mich zweiteilen wollte

  1. Man kann sich so richtig in dich reinfühlen 🙂 Aber super, dass du dennoch Spass hattest – das ist das Wichtigste. Sagt man. Und man weiss auch, dass es zumeist erst hinterhergesehen Spass gemacht hat 😉

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