Autofahrer ohne Hirn: Der tägliche Wahnsinn beim Radfahren

Rennradfahren. An sich schon gefährlich genug, betrachtet man das Tempo und die Dicke der Reifen, aber das hat man als Radler im Griff. Nun, sollte es im Griff haben. Und falls nicht, dann schadet man (hoffentlich) nur sich selbst und dem Rad. Der Asphalt ist so unbeeindruckt von etwaigen Stürzen, wie die anderen Verkehrsteilnehmer: die Autofahrer. Aufgrund der Tatsache, dass diese sowieso besser, klüger, schneller sind und immer überall jederzeit Recht haben, haben wir Radler ausgeschissen.

Wer ein Rad hat, ist ein Pöbel. Ein jämmerliches Lebewesen, dessen Existenz nicht mal ein Seitenblick wert ist. Ein Fitnessfanatiker, der trotz dem ach-so-sportlichen Getue auf dem Drahtesel trotzdem keine Topfigur hat und daher daran erinnert werden sollte, sich eine andere Sportart zu suchen. Oder einfach aufzugeben. Rennradfahrer sind Bonuspunkte im Lebens-Score und jedes Mal, wenn einen beinahe anfährt, mitnimmt, überrollt oder von einer Klippe schubst bekommt man Karma-Punkte. Und so voll die guten Punkte, is ja klar. Wer mit dem Rad fährt, ist zurück geblieben. Aus mehreren Gründen. Erstens lässt er ein Fahrgerät wie das Auto links liegen und wagt es, sich nicht in das eventuell total stumpfsinnige Gehabe der breiten Gesellschaft einzufügen. Das sind typische Anti-Menschen. Zweitens ist er total gehirnamputiert, der Radler, da er ein Fahrgerät wählt, das nicht wettergeschützt ist. Somit setzt sich der Anti-Mensch ohne Hirn vollkommen freiwillig und blöd grinsend dem Wetter aus. Freiwillig – ich kann’s nicht oft genug betonen. Und drittens ist die Präsenz dieser hirnlosen Radldeppen dafür verantwortlich, dass Autofahrer aufmerksam im Verkehr sein müssen, olle rechtliche Straßenunterteilungen (Straße – Radweg) berücksichtigen müssen und auch noch auf diese sowas von egoistischen Menschen Rücksicht nehmen müssen. Normalerweise muss sich der Schwächere doch nach dem Stärkeren richten, aber nein, hier nicht.

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So scheint das Verständnis mancher Autofahrer im Bezug auf Radfahrer zu sein. Deppen finden sich überall, Raser, Regeln ignorierende Menschen und für andere gefährliche Verkehrsteilnehmer sowieso. Aber der Autofahrer vergisst einen wichtigen Fakt: Sein Kratzer im Lack ist bei mir ein Kratzer im Bein. Sein fehlender Schulterblick kann ihn zum Mörder machen, mein fehlender Schulterblick mich selbst zu meinem eigenen. Daher bin ich automatisch vorsichtig, nur verstehe ich nicht, warum Autofahrer freiwillig und leichtsinnig ein Leben aufs Spiel setzen – lebt es sich denn so gut einen Menschen auf dem Gewissen zu haben?

Und manchmal, wenn ich könnte, würde ich mich gerne etwas anders verhalten. Wenn ich nur nicht immer den Kürzeren ziehen würde. Und manches möglich wäre. Und es physisch möglich wäre. Und sonst. Aber diese Szenarien helfen mir, mich zu beruhigen – zumindest ein bisschen.

1. Auto parkt auf der Fahrradspur

Uuuups, reingefahren. Hoppala, das is aber auch eine doofe Sache. Ja was, Sie waren sogar im Auto drin? Nein, Sie haben einfach nur kurz parken wollen für so 1 bis drölf Stunden? Na, tut mir leid mit dem Auto, scheint ein Vollschaden zu sein. Aber hey, Sie standen ja auf dem Radweg.

2. Auto biegt über für Radler/Fußgänger grüne Ampel ab, fährt fast in Passanten/Radler rein

*abreißen der Ampel* *wütendes Einschlagen mit der Ampel auf die Motorhaube des Autofahrers*

3. Überholen auf Berg/Kurve/etc. mit starken Gegenverkehr resultiert im Fast-Unfall

Guten Tag, hier ist die Idioten-Polizei. Darf ich mal Ihren Führerschein sehen? Ja, danke… und weg. Hiermit entziehe ich Ihnen großkotzigen lebensmüden Idioten vorm Herrn den Führerschein für immer. Das Auto nehmen wir gleich mit… wie, Sie haben Kinder? Dann hätten Sie sich noch weniger so verhalten sollen, habe die Ehre.

4. Abbiegen in eine andere Spur, was Überqueren eines Radweges bedeutet endet im Fast-Überfahren

Weil Sie wohl gerne andere überrollen, zeig ich Ihnen mal wie das geht. *überrollt Auto mit Monstertruck*

5. Viel zu dichtes/schnelles Vorbeifahren

Tempo auf 120km/h erhöhen, etliche spitze Gegenstände auspacken und an dem Auto sehr nah vorbei fahren. Sicher stellen, dass ein ekelhaftes Kratzgeräusch ertönt. Autos mit einer großen Anzahl an solchen Zeichen darf auf dem Parkplatz auch angezündet werden. Einfach so.

6. Herausschnellen aus Ausfahrten ohne jegliches Blicken nach Rechts oder Links

Modus „Walz“ auf dem Rad aktivieren und draufhalten. (Modus „Walz“ ist eine neue Standardfunktion und verwandelt für eine Dauer von 10 Sekunden die Reifen in das Fahrgestell der Planierraupen)

7. Türöffnen, Herausspringen zwischen zwei Autos o.ä. 

Anhalten, theatralisch dramatisch Brille abnehmen und laut und deutlich „SIND SIE DENN WAHNSINNIG“ brüllen. Gerne mehr und unbedingt den Stempel „Hirnlos verdummt“ verwenden, der wasserfest ist und ein Leben lang hält. Am besten im Gesicht verwenden.

8. Fußgänger auf Radweg/Nörgelnde Fußgänger/Weg absichtlich blockierende Fußgänger

Guten Tag, hier schon wieder die Idioten-Polizei. Wir bringen Sie nun in ein geschütztes Gelände, in dem Sie nie wieder Rücksicht auf andere nehmen müssen oder es Regeln gibt. Das Gelände ist zwar einfach nur ein Raum oder eine Wiese – Sie können sichs aussuchen – aber da wird endlich kein penetranter Radfahrer mehr auf sein Recht bestehen. Sooo, schlüpfen Sie mal in die Jacke, ja, die macht man hinten zu – lustig, was?

13 Antworten zu “Autofahrer ohne Hirn: Der tägliche Wahnsinn beim Radfahren

  1. Du hast ja so Recht. Vieles davon habe ich auf dem Rennrad auch schon erlebt (inkl. Kollisionen, die aber zum Glück alle glimpflich ausgegangen sind). Am Ende hilft nur gegenseitige Rücksicht. Da muss man allerdings auch dem einen oder anderen Rennradfahrer mal ins Gewissen reden – die StVO ist keine unverbindliche Empfehlung 😉

    • Da geb ich dir auf jeden Fall recht: rote Ampeln gelten auch für Radfahrer und so 😉 Hoffe bei dir ist immer alles wirklich gut ausgegangen? Rücksicht ist da wirklich wichtig, von allen beteiligten Parteien.

      • Bei rot über die Kreuzung, rechts Überholen, nachts ohne Licht etc.. da erlebt man als Autofahrer auch so einiges, bei dem man sich nur wundern kann 😉

  2. Wie „schlimm“ es um die Autofahrer-Radfahrer Beziehung steht ist mir auch erst wirklich klar geworden, seit ich Rennrad fahre.

    Was wurde ich schon von ******-Oberlehrern angehupt, angebrüllt, ausgebremst oder genötigt (AKA absichtlich (!!) dicht überholt). Ich fahre sehr viel Auto, aber die wenigen Radstunden haben viel tiefer blicken lassen als meine vielen Stunden auf Deutschlands Autobahnen.

    Nicht alle Rennradler sind unschuldig daran, aber auch nicht jeder Autofahrer ist ein Idiot. Nur weil es Deppen auf der Radseite gibt, heisst das noch lange nicht das Auge um Auge und Zahn um Zahn gilt. Was bin ich froh, das ich nach ein paar Kilometern viele viele kleine Nebenstraßen habe. In der Stadt fühle ich mich absolut unwohl mit dem RR (das ist mit dem MTB tatsächlich etwas anders).

  3. Auch mit dem MTB ist das nicht viel besser. Es ist ja eh im Leben immer angbracht, für alles und jeden mitzudenken. Bis ich bei uns im Feld/Wald bin, muss ich ca. 2km auf der Straße fahren. Es gibt bei mir vor der Haustür eine Straße mit Fußgängerampel, hinter der es rechts durch eine Unterführung geht. Dort ist es wohl erlaubt auch auf dem Gehweg zu fahren. Auf die Straße ausweichen ist unmöglich, weil dieser mit Geländern begrenzt ist. Durch die Kurve sieht man nicht mal ob da jemand läuft oder ein anderer Radfahrer entgegenkommt. Bin ich auf dem Rückweg nehme ich die Straße. Das ist ein Stück von ca. 300m damit ich links abbiegen kann, auf die Linksabbiegerspur. Dazu fährt man durch die Unterführung und ich halte mich auf dem Fahrstreifen da schon links, soweit wie möglich.

    Die Autos trauen sich meist nicht, mich rechts zu überholen, deswegen wird sich munter aufgeregt, wegen 300m und meiner Dreistigkeit links abbiegen zu wollen. Mich hat mal ener angebrüllt, ob ich kein Rad fahren könne. 300m wegen mir mal 30 fahren zu müssen, um dann an der Abbiegerspur eh so oder so an der roten Ampel zu stehen, ist natürlich unzumutbar, man hat es immer eilig, vor allem Sonntags.

    • Die Wege raus sind immer etwas fieser als alles andere. Und wenn man dann noch versucht wie du mitzudenken, dann geht das einfach mal garnicht – weil andere das einfach nicht verstehen. Aber viele regen sich einfach gerne auf hab ich das Gefühl, wenn sie im Auto sitzen. 😀 Und Sonntags sind die gestressten Sonntagsfahrer, die entweder von Schwiegermutter oder überfülltem Freizeitort kommen, oder eben dahin möchten, zu spät dran sind und und und. Das hatten wir gestern schon scherzeshalber gemeint, als einer mit 120 Sachen vorbeibretterte.

  4. Hi! Du kannst wirklich toll schreiben (und ich beneide dich drum). Hab lang keinen Blog so verschlungen. Und bei den Bildern kriege ich ein bisschen Heimweh nach schlechtem Wetter (bin in Sydney).

    Ich hab aber eine Frage: warum fährst du Rennrad (und nicht MTB)?
    Der Grund: Ich kann im Moment nicht laufen (Knie kaputt; darüber hab ich im Übrigen dein Blog gefunden) und mein MTB und ich führen derzeit eine 16000km-Fernbeziehung. Um trotzdem Auslauf zu kriegen, überlege ich ein Rennrad zu kaufen. Aber ich befürchte, ich würde mich selbst in den Wald zurückwünschen, weg von den Autos. Kannst du sie mir nehmen? Du scheinst ja auch kein großer Autofreund zu sein, und deine Lauf-Beiträge sprühen vor Natur-Begeisterung — vermisst du die nicht beim rennradfahren? Gibt’s etwas, das für dich das Rennradfahren ausmacht (verglichen mit Laufen im Wald oder MTB)? Und fühlst du dich sicher genug auf der Straße, auch wenn du allein unterwegs bist?
    Über alles, was mir aus dieser dämlichen Unentschlossenheit raushilft, würde ich mich total freuen! Ansonsten viele Grüße in die Heimat 🙂

    • Hallo Chris,
      was für ein schönes Kompliment – vielen vielen Dank! Was treibt dich denn in das ferne Sydney oder wann geht’s für dich wieder zurück ins gute alte Deutschland?
      Weißt du, wenn du mit dem Rennrad komplett in deiner Welt versinkst und über schattige Straßen vorbei an Holzgerüchen, Nadelduft und blumigen Feldern fährst, dich Berge hochkämpfst und dann wieder galant die Kurven nach unten bretterst, wenn du lange Distanzen fährst nur um dann einen Sonnenuntergang am See zu sehen und du das Gefühl hast, dass egal wo du hin möchtest erreichbar ist – dann ist Rennradfahren einfach ein Traum. Es ist etwas anderes als im Wald zu laufen und das Knirschen unter den Schuhen zu hören, ganz in Ruhe zu sein. Aber beides hat seinen Reiz. Allerdings weiß ich, dass in Sydney auf den Straßen die Hölle auf Radler warten muss. Viele Rennradler die ich so über verschiedene Plattformen in Sydney verfolge, die fahren mit dem Rennrad in eher ruhigere Gebiete – und da in wahnsinnig tolle Gegenden ❤ Wenn bei dir ein großes Waldgebiet direkt um die Ecke ist, dann schnapp dir ein MTB. Wenn du aber auch so ein Stück fahren musst, dann nimm das Rennrad – und all die Straßen, Wege und Küstenstrecken stehen dir offen. Ich glaube, damit hättest du mehr Freude. Und mit dem Renner kann man auch über normale Waldwege fahren. Alternative: ein Crosser. Längere Distanzen sind damit auch machbar und Wald- sowie Schotterwege und Trails sowieso kein Problem 🙂
      Hilft dir das ein bisschen weiter? 😀

      • Vielen Dank für deine Antwort! Und ja, das hilft mir auf jeden Fall weiter :-). Werde mich nach einem günstigen oder gebrauchten Rennrad umgucken. Ich promoviere in Deutschland und hatte das unverschämte Glück, für sieben Monate nach Sydney zu dürfen (wenn in Deutschland dann Hochsommer ist, komm ich wieder zurück :-)). Sydney ist schon eine wunderschöne Stadt, gerade wegen der Natur. Aber für eine Feierabendrunde sind die schönen Wälder etwas zu weit weg, zumindest ohne Auto. Autos sind eigentlich das einzige nicht so schöne; deren Verhältnis zu Radlern und Fußgängern ist wohl mindestens gestört. Wie du schon meintest, fahren deswegen die meisten Rennradler etwas weiter raus oder aber ganz früh morgens oder sie drehen im Centennial Park (das ist ein größerer Stadtpark nahe der Innenstadt) ein paar Runden. Aber nicht dass ein falscher Eindruck entsteht: Sydney ist echt sehr, sehr lebenswert! Wenn du die Gelegenheit hast, fahr auf jeden Fall hin. Danke nochmal für deine Antwort, ich bin gespannt, wie’s ausgeht…

      • Sydney ist warm, heiß, sonnig – ideal eigentlich für mich. Vielleicht schaffte ich es mal da vorbei zu schauen – würde ich gerne mal. Wenn ich denn soviel Glück hab wie du 😉
        Halt mich auf dem Laufenden, bin gespannt welches Rad du dir holst! Und sei vorsichtig bei den stark befahrenen Straßen, damit du ganz bleibst!

  5. Autofahrer, Radfahrer, Fussgänger … schenken sich nichts, bezogen auf Egoismus im Strassenverkehr. Bei der Streitlust muss man sich als Rennradler halt etwas zurücknehmen, wenn man eine entspannte Ausfahrt haben will. Mit einem hupenden Autofahrer das Problem zu besprechen (oder ihn zu verprügeln) hat trainingstechnisch kaum Vorteile. Und ein Sturz schmerzt um nichts weniger, nur weil man Vorfahrt gehabt hätte. Meine Antithese zum Blog.

  6. Ein absolut notwendiger Wutausbruch. Wer täglich mit dem Fahrrad fährt, empfindet genau dasselbe. Ich hoffe, du machst regelmäßig bei den „Critical Mass“ – Ausfahrten mit! Viele Grüße, Jochen

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