Eine runde Person, das Laufen und ein letzter Gedanke

Ich kann sehen, dass die Person unfassbar leidet, während sie das keuchende Atmen unterdrückend und mit hoffnungsvollen Hervorquellen der Augen in Richtung Straßenbahn läuft. Diese Person, eine Frau mittleren Alters und wenn ich „mittleres Alter“ sage, meine ich, dass sie schon längst die Wechseljahre gerockt haben muss, diese Person auf jeden Fall, hasst Laufen. Nicht das Laufen an sich als Fortbewegungsmöglichkeit, schließlich ist sie es nicht, die im elektronisch steuerbaren Wägelchen mit jahrelange liebevoll gezüchteten Fettpolstern über den Sitz quellend im Walmart an Zuckerregalen entlang fährt. Sie nicht. Sie geht. Sie bewegt sich mit ihren eigenen Beinen vorwärts. Aber das ist, bei aller Liebe, schon das Höchste der Gefühle. Das Allerhöchste der Gefühle wäre eventuell das Fahre in so einem elektronisch steuerbaren Wägelchen, aber das würde sie nie zugeben. Weil das eine abrupte Degradierung von Mensch zu faules Stück wäre. Und eine minimale Farce möchte sie dann schon noch aufrecht erhalten, auch wenn sie im Herzen letzteres ist. Seit Jahrzehnten.

Und deswegen läuft sie. Und hasst es. Und tut es doch Tag für Tag für Tag. Das Gehen ist langweilig, es bringt einen doch so langsam und so sehr Anstrengung erzeugend nur von A nach B. Außerdem sieht sie dabei komisch aus, denn die Oberschenkel reiben aneinander. Nein, eher die Hose, aber auch das stört. Es stört, weil sie weiß, dass das nicht sein sollte. Der Begriff „watscheln“ ist eine Bezeichnung, die passender für ihre Art der Fortbewegung nicht sein könnte. Fortbewatschelung. Sie lacht ein bisschen. Humor mag sie, kennt sie und kann sie. Aber lustig findet sie das Gehen immer noch nicht.

Je schneller das Gehen wird, je nach Dringlichkeit des Von-A-nach-B-Kommens, desto lauter flucht sie innerlich. Desto mehr mag sie ihren Körper nicht. Und das Hier und Jetzt. Alles blöd, alle blöd, total blöd. Denn sie weiß, dass sie keucht, dass sie japst, dass alles an ihr aktiv am Laufen beteiligt ist. In den Momenten in denen sie läuft, um eine Straßenbahn zu erwischen oder um den Zug nicht zu verpassen, ist sie sich mehr als sonst bewusst, wie sie ist: dick. Aber das Schlimmste ist nicht, dass sie einfach etwas runder wäre oder eine eben etwas stattlichere Person wäre, es ist die Tatsache, dass sie aufgegeben hat. Wie ein Lachs, der beim Bergaufspringen direkt in das glücklich aufgerissene Maul eines Bären springt und sich dabei nur denkt „Fuck. Das isses also.“ ohne noch irgendetwas machen zu können. Nun, außer zu zappeln. Aber das lässt sie lieber, ein fischähnliches Zucken würde sie nicht schlank machen, sondern ihr nur Zugang zu Medikamenten verschaffen. Schlagwort Epilepsie.

Das Starren, Flüstern, Gucken, Kichern und Zischeln kennt sie. Seit sie ein kleines Mädchen ist, kennt sie das. Da hat auch die gute Küche der Mutter nichts gebracht und auch nicht der freie Zugang zur Süßkram-Schublade. Wer kann denn schon einem armen, gemobbten Kindchen das verwehren, das glücklich macht? Vor allem, da es das einzige Kind ist – auch wenn Bruder und Schwester noch geplant waren, aber manchmal macht Mutter Natur seltsame Dinge. Gemeine Dinge. Unfassbar fiese Dinge. Weil man Mutter Natur aber eben sehr schlecht in eine dunkle, finstere Ecke locken und verprügeln kann, ist man etwas machtlos. Fatal für Mutter Natur, die einfach nicht dazulernen will und fatal auch für das kleine dickliche Mädchen, das ihren Kummer weggefuttert hat. Ob sie auch Lust hat das eigene Ich der Vergangenheit in eine dunkle, finstere Ecke zu locken und zu verprügeln? Dabei „Hör auf noch mehr Dickmacher in dich hinein zu stopfen“ zu rufen und dem Auto der Familie die Reifen aufzuschlitzen, damit man das Rad zur Schule nehmen muss. Hocherotisch das alles. Zeitreise war nie attraktiver.

Aus dem letzten Loch pfeifend sitzt sie da. Taschentuch in der Hand für den Schweiß, durch ihre Fülligkeit zur Seite gedrängte Nachbarin, ein bisschen speckige Finger und… nichts. Der Zorn über die eigene Unfähigkeit ein Ich zu werden, das man lieben könnte, der war schon länger nicht mehr da. Die Wut, dass man es nicht einmal ernsthaft versucht hat irgendwie abzunehmen, ist Urlaub auf Malle machen. Der Ehrgeiz, das Leben einmal richtig auskosten zu können ohne die Gefahr an Herzversagen zu sterben hat vor Jahren das Handtuch geworfen. Ihr Leben ist ihr Leben. Wenn sie es dann schafft wieder daheim zu sitzen, vor dem Fernseher, ihre Häkelsachen neben sich und heißer Tee in der Kanne, dann ist doch alles gut. Wehmut, Sehnsucht, Entdeckerlust war mal, man wird auch älter. Man ist wie man ist und muss sich so mögen. Wer kann denn schon die Vergangenheit ändern, was bringt das einem jetzt.

Während ihr der asphaltierte Boden näher kommt und die Welt um sie schwarz wird, der Schmerz intensiver und die Geräusche immer leiser, leiser und leiser werden, hat sie nur einen Gedanken. Einen Gedanken, den sie am liebsten, wenn sie die Luft und die Lebensenergie noch in sich hätte, rausgebrüllt hätte. Statt eines Aufschreis voller Trotz wurde es ein verzweifeltes, zaghaftes und flehendes Rufen nur für sie hörbar: „Ich will endlich leben“ Die Sanitäter hören das nicht, ebensowenig wie die Krankenschwestern im Krankenhaus und der diensthabende Arzt. Und auch nicht bei der Beerdigung.

Nun, ehrlich gesagt geht auf einer Beerdigung das auch niemanden an. Schließlich ist man da um zu trauern und nicht über die Beweggründe zu sprechen, die einen zum Abnehmen gebracht haben. Als ob der eigene Unfall Gesprächsthema beim Verabschieden des entfernten Onkels wär. Danach jedoch, während man ihr sagt, dass sie wirklich toll aussehe und sie in den letzten Monaten wohl etwas abgenommen haben muss, kann sie es endlich sagen. „Ich wollte einfach losleben.“ Und das ist ohne unnötigen Ballast so viel leichter zu machen. Mittlerweile hasst sie es auch nicht mehr der Straßenbahn hinterher zu laufen, das muss sie garnicht mehr. Schließlich hat sie ihr Fahrrad.

So hätte es sein können, aber während ihr Herz den Dienst verweigert und der Arzt ihren Tod feststellt, sitzt sie vielleicht mit dem Tod beim Kartenspielen. Und säuft ihn unter den Tisch. Wer weiß…

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