Ein Kerl, ein Kartoffelsalat, eine Straßenbahnfahrt und was dahinter steckt

Vor mir in der Straßenbahn sitzt ein junger Kerl. Blonde Haare, die in alle Richtungen abstehen, eine kuschelige warme Winterjacke und einen Kartoffelsalat in den Händen haltend. Ohne Tasche oder Rucksack ist es klar, dass er den Kartoffelsalat in seiner REWE-Plastikschale in den Händen halten muss. So selbstverständlich, als wäre man als Kind ohne Schulranzen aber mit dem Pausenbrot in der einen und der Kaba-Flasche in der anderen in die Schule marschiert, ohne dann von der Lehrerin schief angeblickt zu werden. Vom Brief an die Eltern ganz zu schweigen. Ich vermute zwar nicht, dass er in irgendeine Schule marschiert, aber der Gedanke der Universität ist garnicht so fern. Der moderne Student braucht schließlich nur noch Köpfchen und Knöpfchen und zwar das seines Smartphones. Das gilt auch für das Knöpfchen.

Aber wie ich ihn so ansehe, mit einem leichten Dreitage-Bart, der eher ein Zweitage-Bart sein könnte, wage ich zu bezweifeln, dass er wie alle anderen zur Uni geht. Warum sollte er frühmorgens um 8.16 Uhr mit der Straßenbahn in Richtung Hauptbahnhof fahren. Die normale Ausstattung der Wegzehrung ist nicht Kartoffelsalat sonder ein Thermosbecher voller Kaffee. Oder ein Pappbecher voller Kaffee. Oder wenigstens die Adern voller Kaffee, da das allmorgendliche Aufstehen in den letzten Monaten ohne Kaffee sowieso nicht möglich war. Eventuell würden diese Kaffee-Ader-Menschen wohl eher aus reinem Bewegungsdrang galante Flugrollen aus der Straßenbahn hinaus machen, nur um festzustellen, dass sie zu früh ausgestiegen sind und nun laufen müssen, um pünktlich zur Arbeit zu kommen. Zuvor aber noch, um Power zu schöpfen, ein Coffee-to-go beim nächsten Quick Back mit no-sugar. Kaffee hat der Kartoffelsalat-Mann nicht nötig oder zumindest nicht mehr nötig. Warum jedoch ein Kartoffelsalat?

Vielleicht macht er gerade in einem Hotel ein Praktikum und würde, wenn er noch einmal das hoteleigene Essen zu sich nehmen müsste, sich freiwillig aus der Suite im 8. Stock stürzen und dabei „Ihr könnt mich nicht zwingen“ brüllen. Allerdings kann er auch schlecht nichts essen, das wiederum würde nicht nur seinem Körper und seiner Lächelfähigkeit, die im Hotel überlebensnotwendig ist, schaden, sondern missmutige Blicke seiner Kollegen auf ihn ziehen. Ob er Veganer wäre, Vegetarierer, ob er kein Gluten vertragen würde oder diese Laktoseintoleranz hätte. Oder ob er einfach nur ein verwöhnter Fratz wäre, dem das Hotelessen und damit das Hotel nicht gut genug wäre. Fragen über Fragen. Und der Kartoffelsalat wäre Antwort genug. „Nein danke, ich hab mir selbst was mitgebracht.“ oder „Danke, aber als Praktikant möchte ich einfach mittags nicht soviel Geld ausgeben müssen.“ oder „Meine Familie isst seit Generationen nur Kartoffelsalat. Wer bin ich denn, dass ich mit dieser Tradition breche?“

Seltsam ist jedoch, dass ich ihn mir nicht so ganz im Hotelgewerbe vorstellen kann. Es kann auch gut sein, dass er feiern war und bei einem Kumpel geschlafen hat, weil er eigentlich in Lindau wohnt. Aber wie es eben so im Vollsuff ist, hat man sich mit dem Zug verfahren, landete in der Haupstadt Bayerns und geht kurzerhand, nicht ohne vorher mal mit den Schultern zu zucken, dort in den nächsten Club. Macht die Nacht zum Tag. Und zum Glück hatte sein Kumpel noch einen Kartoffelsalat im Kühlschrank stehen. „Klar kannste den haben. Crasse Aktion, bis bald, näh.“ und mit einem Winken war der Kartoffelsalat-Träger auf dem Weg zum Hauptbahnhof.

Vielleicht war es auch etwas liebevoller, etwas schmerzerfüllter. Schüchtern, wie er ist hatte er die erste Nacht bei ihr verbracht. Leider zieht Schüchternheit auch Schüchternheit an, sodass sie, zauberhaft wie sie war, nicht wusste, was zu tun war. Keine Draufgängerin, kein Beziehungsprofi und er kein Draufgänger, keine laute Person. Die Nacht war schön, der Morgen seltsam perfekt und dennoch war er sich unsicher. Als er dann gehen wollte hatte er noch immer das Gefühl dieser gemeinen Unsicherheit im Herzen gehabt, bis sie mit hochrotem Kopf und unfähig ihm in die Augen zu schauen den Kartoffelsalat in die Hand drückte. Er müsse ja Mittags was essen und auch wenn sie ihm nichts richtiges geben könne, so würde ein Kartoffelsalat doch sicher satt machen und sie äße ihn ja sowieso nicht und auch wenn das blöd wäre… mit einem Kuss hatte er sie unterbrochen, sich bedankt und die Unsicherheit, die so genervt hatte, in die Tonne getreten. Das war der schönste Kartoffelsalat, den er je bekommen hatte.

Soetwas wäre schön, sein verstrahlter Blick würde schon eher für soetwas sprechen. Oder auch nur für seine Dusseligkeit. Eventuell weiß er garnicht, dass er überhaupt einen Kartoffelsalat mit sich herumschleppt oder hat es zu spät bemerkt. Gedankenverloren hatte er statt nach seinem Kaffee oder der Breze nach dem Kartoffelsalat gegriffen, die Schlüssel lagen natürlich auch noch daheim. Irgendwo. Vielleicht war es aber auch Absicht, denn statt sich den Regeln des durchschnittlichen Mannes in Deutschland anzupassen, hatte er für sich entschieden, dass alles, was er brauche, in der Hand getragen werden kann. Und er dazu weder Tasche noch Tüte noch Man-Bag noch Sportsack braucht. Eine seltsame Verbundenheit, alles, was man braucht, fest in der Hand bei sich zu tragen. Zu zeigen, was man mit sich trägt. Und dann vielleicht leicht verrückten Mädchen wie mir die Möglichkeit geben, eine Straßenbahnfahrt voller Gedankenwelten zu haben. Vielleicht hatte er genau das und nichts anderes geplant.

11 Antworten zu “Ein Kerl, ein Kartoffelsalat, eine Straßenbahnfahrt und was dahinter steckt

  1. Schön zu lesen 🙂 Vermutlich gibt es aber noch einen ganz anderen Grund für den Kartoffelsalat aber das werden wir wohl nie Erfahren 😦

  2. Jetzt muss ich doch noch mal meinen Senf dazugeben. Heutzutage konzentrieren sich in den öffentlichen Verkehrsmitteln gefühlt 99% auf ihr smartphone und nehmen ihre Umwelt kaum mehr wahr. Die Autorin beobachtet aber sehr genau und lässt uns an einem Teil ihrer Gedankenwelt teilhaben, den vermutlich noch interessanteren Teil überlässt sie der Phantasie des Lesers. Gottseidank!

    • Straßenbahnfahren ist für mich die beste Unterhaltung. Oder, wie Erich Kästner geschrieben hat, erscheint das Leben wie auf einer Schallplatte und zieht am Fenster an einem vorbei. Ich liebe es in meiner Gedankenwelt zu versinken und finde es noch schöner, dass es auch anderen gefällt – und zum Fantasieren anregt.

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