Seerauschen, Berge, Schneepflügen, Nicht-mehr-mögen: Eine Radtour in meinem Kopf

Wieviele Dinge gleichzeitig nerven können ist faszinierend. Wieviele Dinge gleichzeitig wunderschön sein können ist ebenfalls faszinierend. Und wie der Dialog im Hirn bei einer kleinen, eigentlich groß geplanten Radtour in Richtung der Alpen aussieht ist Unterhaltung pur. Denn irgendwie muss man ja das da draußen überleben, mit klirrender Kälte, rutschiger Straße und eiskaltem Wind. Und immer wieder ist man erstaunt, zumindest ich, was man eigentlich so die ganze Zeit über so gedacht hat. Wahrgenommen hat.

10899161_835271529844101_1823442916_n

Willkommen im meinen Kopf – verständlich zusammengefasst

Yeah, es ist Radlzeit. Reinklicken ist das beste der Gefühle, mann ist das cool. Ne, wirklich. Es ist schon sehr kühl da draußen, eine richtige Winterjacke wäre tatsächlich mal eine Investition. Aber, wenn wir mal ehrlich sind, wir sind keine Weicheier und deswegen fahren wir einfach schneller, mehr, lassen den Körper richtig auf Touren kommen! Boban fährt doch sowieso immer kranke Längen und Geschwindigkeiten, der macht alles mit.

Okay… es ist schon anstrengend. Immer dieses raus aus der Stadt, dieses Gewusel, dieses Stop-and-Go… oh, eine Kurve! Ich liebe Kurven! Mehr Kurven, mehr Technik, mehr drumher… uff, ist schon anstrengend. Und Boban fährt mit einer interessanten Kadenz. Aha, Schaltung im Arsch, er schaltet manuell um. Am Umwerfer. Alter Verwalter, ich hätte schon ein Kaninchen dem Radl-Gott geopfert, damit das wieder normal geht. Und zack, die nächste Ampel. Wenigstens lerne ich damit das Ein- und Ausklicken mit den SPD-Cleats. Übung Kirsche, Übung.

Wald Wald Wald sind alle meine… ähm… Tagträume. Wie das knirscht, wie das rutscht und wie toll das ist auf/in/neben dem Schnee/Tiefschnee/Eis zu fahren. Ah, mit einem Rennrad ist es für Boban natürlich nicht einfach und er rutscht freudig durchs Gebüsch. Mein Herz schreit Wald, der Rest sagt „Okay, Richtung Bad Tölz auf der Oympiastraße“.

Olympiastraße, thou are a heartless bitch. Links die Rennsemmeln – JA TOLL DU HASTN SCHNELLES AUTO EY – und mein Sattel zwickt. Die Arme sind überstreckt. Es ist einfach anstrengend. Will ich das? Will ich nicht lieber heim? Kann ich noch umdrehen? Wieso ist es denn wieder, wie immer am Anfang, so unsagbar anstrengend. Minimale Anstiege so schwer? Na okay, ich lüg mich nicht selber an: Anstiege sind bei mir immer schwer. Aber ich fühl mich nicht wohl auf dem Rad, woran liegt’s? An mir? An dem Vorbau? Am Sattel? An der nicht vorhandenen Anpassung des Rads auf meinen Körper? Woran? Woran??? WORAN?!

Bergab ist gut, bergab ist kalt. Rapha, die Jacke ist schön, aber verdammt ich hätte gerne eine warme Winterjacke. Ohne, dass ich meine Seele verkaufen muss, um diese zu finanzieren. Oh, da gibt’s Eis im Sommer. Hmmmm, Eis…

Hallo Starnberger See, heute so bergelos. Was für ein kaltes Wetter, aber wenigstens rauscht das Wasser schön. Oh Gott, der Weg ist noch ewiglich lang.

Ist anstrengend. Grad. Sehr. Und die Fingergefühle schwinden. Wer hat denn hier gerade den Kälteregler nach oben geschoben? Ich will so gerne anhalten, der See rauscht wie ein Meer, die Wellen rollen, das Wasser klingt so schön. Aber wenn ich noch länger hier stehen bleibe erfriere ich. Gut, das kann ich auch auf dem Rad. Radelnd erfrieren, juche!

Ich mag heim. Oder Kuchen. Heim und Kuchen. Ich spüre meine Hände kaum noch, die Unterarme zittern und die Zehen sind Eisklumpen. Der Sattel zwickt verflucht, dieses Rad ist nicht bequem! Oh, wir fahren nicht mehr am See, wann ist das denn passiert? Wo waren wir? Egal, bäh, Bobans Schutzbleche spritzen in Fontänen und ich halte mal lieber Abstand, Brille auf und Buff hoch. Der Dreck der schön macht ist glaub ein anderer.

Café. Muss brauch will Pause und Cappuccino. Paleo ist mir gerade sowas von pupsegal, auf Banane oder Wasser hab ich grad alles andere als Bock, Lust und Laune. Sparkasse wird von mir als zitterndem Etwas überfallen und ich schaffe es kaum die Karte rauszupfrimeln geschweige denn reinzupfrimeln. Ewigkeiten gefühlt später wärmen wir uns auf und planen, wie wir die Decken in diesem Café als neue Radkleidung mitschmuggeln könnten.

Bad Tölz? Nö. Boban braucht 70km für seinen sehr krassen 1000km-Abschluss der Woche. Wir haben schon 50 und überlegen, mit Blick auf die Uhr und mit Blick auf das eisige Wetter. Brains die wir sind liegt das Licht natürlich daheim. Yeah. Daher planen wir nach Weilheim zu fahren, knappe 20km und mit dem Zug wieder zurück. Super, los geht’s.

Dieses vermaledeite Schild hat in diese blöde Richtung gezeigt und wieso sind wir jetzt in Penzberg, oder eher auf dem Weg dorthin, während das gerade passierte Schild in die Richtung, aus der wir kommen, uns schadenfroh „Weilheim“ ankündigt? Ich verfluche dich Radlstraßenschildmensch! Nun gut. Das unkontrollierte Bibbern hat aufgehört und wir radeln uns warm. Schöne Winterwunderlandumgebung. Und da, die ersten Berge! Ab nach Penzberg und weiter in Richtung Kochl am See. Und wieder einmal: Fuck you Scheibenbremsen. Mit dieser Lärmbelästigung hört man uns bis nach München.

Ich will nicht mehr bremsen. Es tut im Ohr weh, wenn ich die Bremsen betätige. Ich mag die Bremsen nicht, nein, ich mag die Bremsen nicht. Daher fahr ich einfach mal im Schnee rum, das macht auch Spaß. Und so kalt ist es grad garnicht mehr. Und huiiii, die Berge! Und huiiii, es läuft endlich besser!

Benediktbeuern. Mir ist kalt. Wo ist der Bahnhof und wann geht der nächste Zug. Bei der Kälte hab ich nichts mehr klamottentechnisch inpetto, den Bahnhof erahne ich in der falschen Richtung und der nächste Zug kommt in 1 Stunde. Suchen wir also eine warme Unterkunft, rutschen auf der nicht geräumten Straße umher (Boban wählt den geräumten Gehweg) und kehren bibbernd, eisig und verfroren im wohl einzigen Gasthof, der noch auf hatte, ein.

In der Dunkelheit, ich wieder vor mich hin bibbernd, zitternd mit noch immer roten Händen und sicherlich auch roten Füßen, fahren wir zum Bahnhof. Hechten in den Zug. Und verwandeln diesen in einen Swimmingpool mit dem Schnee, der an unseren Fahrrädern liebevoll hing und nun langsam schmolz. Saukalt war’s, aber im Zug können wir uns gut aufheizen. Trotzdem: Sommer, komm bald!

Danke an Boban, mit dem ich auch eine Menge geredet, geplant, gelacht und gerutscht bin – so muss das.

3 Antworten zu “Seerauschen, Berge, Schneepflügen, Nicht-mehr-mögen: Eine Radtour in meinem Kopf

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s