Mein erster Berg, meine ersten Höhenmeter – inkl. Alpen-Aussicht, Prinzregententorte und 2 lässigen Jungs

Mein erster Berg. Mein erster richtiger Anstieg auf dem Rad. In Gedanken bin ich schon ein paar Mal gestorben, hab meine Beine zumachen gespürt und den Druck der anderen mitbekommen, da ich ja so langsam war. Oh herrje, mein erster Berg. Ich hieve mich die minimalen prozentualen Steigungen hoch und da, plötzlich, steht der Watzmann. Und das Hieven war auf einmal ganz ganz leicht, nur die Lunge, die funktionierte noch immer auf Hochtouren, aber das war garnicht so arg wichtig. Die zarte Schneekuppe auf dem legendären Watzmann war viel wichtiger. War ich nicht deswegen hier, mit diesen zwei unbekannten und verrückten Jungs? John bleibt stehen und schaut ins Tal, nach Berchtesgaden. Ich klicke auch aus und atme tief ein, meine Lungen brauchen das. Boban zückt seine Kamera, fängt wie immer Momente ein. Es ist 8 Uhr morgens, die Sonne ist gerade aufgegangen, wir bewundern den Watzmann und vor uns liegt die Rossfeld-Panoramastraße. Mein erster richtiger Anstieg, mein erster Climb.

„Du wohnst in München? Boah, das muss zum Rennradfahren echt der Wahnsinn sein! Die Berge so nah!“ Ich nicke nur noch, das Korrigieren überlasse ich anderen, die noch nicht sooft korrigieren mussten. Denn: Ja, ich wohne in München und nein, die Berge sind nicht so nah. Natürlich, bei schönem Wetter und Föhn stehen sie prachtvoll am Horizont, aber dennoch funktioniert ein kurzer Ausflug und ein kurzer Climb eher nur in der Vorstellung. Zumindest „noch“. Denn um an die Berge oder eher auf die Berge hoch zu kommen, muss man zu den Bergen hin. Dafür muss man mindestens 70km von München aus einplanen, dann erst kommen die Höhenmeter. Zusätzlich kommt noch der Fakt hinzu, dass ich erst im Frühjahr mein Rennrad bekommen habe und erst im April die ersten richtigen Kilometer damit gefahren bin. Inklusive Ausklick-Unfall versteht sich. Meine ersten 140km habe ich im September absolviert. Und meine ersten Höhenmeter sind Schäftlarn. Einmal runter – juhuuuuuu – und einmal hoch – keuch – damit’s weiter geht.

Betrachtet man Strava und die paar aufgezeichneten Touren, die da zu finden sind, dann bin ich kaum „geklettert“ – wie man denn so schön sagt. Mit meinem Körpergewicht und meiner immer noch nicht vorhandenen Kondition kann man es nicht klettern sondern eben lieber hieven nennen. So hört es sich auch an, weder grazil noch elegant, sondern schnaufen, keuchend und minimal sterbend. Mein größter gesamter Anstieg auf einer Tour war bis jetzt: 822 Meter. Auf einer Strecke von 140km. Die paar, die ich auf dieser Strecke dabei hatte, haben ob der Hügel gestöhnt und damals hatte ich mitgestöhnt. Jetzt stöhne ich zwar auch, kichere aber etwas in mich hinein. Hügel, hihi. Denn endlich hab ich es geschafft und einen richtigen Anstieg bezwungen.

Dabei stand doch eigentlich Weihnachtsurlaub, besinnliche Familienzeit und Verwandtenbesuch an. Aber nachdem ich Kontakt mit Boban über Instagram hatte, merkte, dass der gute Junge auch in Salzburg ist und mir sogar noch wahnsinniger Weise anbot, mit mir gemeinsam eine schöne Tour zu fahren, da war es vorbei. Ich packte mein Radl ein, erwürgte mich selbst fast, als ich versuchte mit der Reisetasche und Rucksack durch die Stadt auf dem Rennrad zu fahren und erdolchte im Zug alle mit meinen feurigen Blicken, die nur mein Fahrrad blöd ansahen. Wirklich, hätte ich nicht meine Brüder gehabt, die mir die Reisetasche abgenommen hatten, hätte ich das Rad wohl kaum mitnehmen können. Da war ich nun in Salzburg und wusste nur, dass am 24.12. um 7 Uhr in der Früh vor dem Penny der Boban mit einem Freund warten würde. Und wir würden auf’s Rossfeld hochfahren, hinten bei Hallein. Ganz nett, nicht allzu steil und schön – meinte Boban. Ich war trotzdem nervös, denn meine größte Sorge war nicht die, dass ich da nicht hochkomme, dass die Beine zumachen oder ich mit schielendem Blick von der Klippe pese – ich machte mir Sorgen um die zwei Jungs. Dass sie genervt seien, dass sie warten müssten, dass sie kein Spaß haben, weil das „ja kein Training mehr ist, so langsam wie wir fahren“ oder dass sie ständig vorfahren, warten, vorfahren, warten.

7.00 Uhr an Heiligabend. „Für den Sport, für das Rennradeln!“ denke ich mir, während ich warm eingepackt am Penny warte. Ein Typ mit 3/4 Hose kommt an, mich frierts schon beim Anschauen. „Hi, I’m John. Boban is usally late so we might have to wait a little bit longer.“ Aber er kam relativ pünktlich „Hi, ich bin Boban“ und die Kennenlernrunde war absolviert. Eisig kalt, Raureif auf den Wiesen und den Schotterwegen, auf denen wir entlang fuhren. Frühmorgendliche Gespräche, ein blutrot werdender Sonnenaufgang zwischen den Bergen und dann auf einmal eiskalter Gegenwind. Wieder einmal kam mein Talent mir in den Kopf, nämlich das Talent ungefähr 1 Stunde Warmwerdzeit zu benötigen. Eine Weile verfluchte ich es und unterhielt mich abwechselnd mit den Jungs. Bis dann Markt Schellenberg kam, dort wo Boban mal wohnte und aus Langeweile halt dann immer den Berg, den wir jetzt hochfahren, hochgeradelt ist. Ja ne is klar. Der Anstieg begann und ich konnte nur „Sei kein Weichei, Kirsche“ denken. „Das ist jetzt mindestens 10mal der Schäftlarn-Anstieg. Oder so. Deine dicken Beine müssen doch für irgendwas gut sein, los geht’s!“

Boban machte Fotos, John war Model und ich atmete einfach nur weiter. Zwischendrin sagte meine Gangschaltung recht frech „Ne, die kleinen Gänge mag ich nicht“ und ich stand am Berg. Rauf- und runterschalten und nochmal und nochmal und es ging wieder. Zwischendrin brüllte ich „Warum fahren wir runter, das bin ich grad alles hoch geradelt verdammt“ oder keuchte ein „I think… I need… a break. Breakfast. Hungry.“ oder einfach nur ein „Wooooooow“, weil Boban natürlich recht hatte: die Aussicht war wunderbar. Allerdings war das das einzige mit dem er recht hatte, denn seine und auch Johns sehr aufmunternden Motivierungszusprüche im Stil von „That’s the last climb, after that it’s just flat“ waren zwar aufmunternd, aber nicht ganz wahrheitsgemäß. Wie oft ich einen steilen Anstieg, der „der letzte, ehrlich diesmal“ war, hochgejapst bin, weiß ich nicht. Oder wie oft „das letzte echt steile“ Stück der Strecke mir meine Kraft aus den Beinchen gesogen hat. Aber die ganze Zeit waren die Jungs die besten Radführer, die man sich vorstellen konnte. Unglaublich unkomplizierte, verrückte und verdammt fitte Radler, mit denen ich jederzeit wieder jede nur vorstellbare Strecke fahren würde. Auch, weil sie so wunderbare Geschichten erzählen.

Der #festive500 Blog von Boban&John mit sagenhaften Bilder >>> www.salzburg500.com

Die Strecke ist ein Traum. Die Rossfeld-Panoramastraße geht hoch hinauf, bis man das Gefühl hat direkt vor dem großen Göll zu stehen. Der hat uns verschneit zugeschaut währen die Sonne die Berge anstrahlte und der Himmel schönes Wetter versprach. Ich konnte mich kaum satt sehen, die Aussicht war wunderbar, die Berge strahlten und das Erklettern der Berge mit dem Rad machte den Rest.

Gen Ende schaukelte ich mich in Serpentinen hoch und verpasste fast die Spitze. Wir waren oben und dann ging es wieder runter, so einfach war das. Warm einpacken, Jacke an, Buff über die Nase ziehen und schön bergab brettern. Irgendwann waren dann meine Finger taub und meine Beine verkrampft, aber meinen ersten Berg, denn hatte ich geschafft.

Kalt bis auf die Knochen suchten wir in Hallein dann ein Café auf und ich versuchte einige Minuten lang das innere Zittern zu beruhigen. Aber gleichzeitig fühlte ich mich auch etwas lässig, weil ich wirklich einen Anstieg geschafft hatte. Und in Hallein hörte es nicht auf, denn die Jungs wollten noch eine Runde drehen und ich wollte mit. Im Sonnenschein fuhren wir dann nach Golling – immer an der Salzach entlang. Und dann, auf der anderen Seite, wieder zurück. Zwischendrin trafen wir dann eine Truppe Schützen beim Weihnachtsschießen. Nett fand ich ja den kleinen Dialogausschnitt mit einem älteren Schützen: „Woher kummts es denn?“ „Ja, scho aus der Gegend. Er aus Salzburg.“ „Du kimmst oba aus Bayern, ge? Des ’scho‘ heat ma nur drent“ Wo er Recht hat, hat er Recht.

Die Tour auf Strava >>> Anschauen, Nachfahren, Mitjapsen

Kurz einer dramatisch dreinblickenden Schlucht „Servus“ sagen und dann ging’s weiter. John gab „In der Weihnachtsbäckerei“ zum Besten, Boban erzählte was Rennradfahren für ihn ist und ich genoss einfach nur das Radeln. Außerdem spürte ich die Höhenmeter in meinen Beinen. Entlang der Salzach auf Schotterwegen ging’s zurück in die Stadt Salzburg und ich war plötzlich wieder zurück. Zurück von meinem ersten kleinen Berg, der dann doch noch zu einer 104km langen Tour wurde und zurück von einem sehr gelungenen Weihnachtsmorgen/vormittag/mittag mit zwei sehr lässigen Kerlen. Gerne mehr davon, hoffentlich bald wieder – dachte ich mir und ich wusste garnicht, wie nah die nächste Radltour mit diesen zwei Chaoten stand. Denn am 26.12. stand der legendäre Gaisberg an, mein zweiter richtiger Berg inklusive Schneesturm. Das gibt’s aber ein anderes Mal von mir.

Alle Bilder hier sind von Boban

13 Antworten zu “Mein erster Berg, meine ersten Höhenmeter – inkl. Alpen-Aussicht, Prinzregententorte und 2 lässigen Jungs

  1. Das klingt toll. Und sieht toll aus. Sehr, sehr toll. Das möchte ich auch mal machen. Aber ich kann nicht climben. Wirklich nicht. Ich fluche und schimpfe wie ein Rohrspatz auf meinem Radl. Schon nach 10 Höhenmetern. Aber irgendwann….man darf ja noch träume haben.

    • Es war auch toll, sehr sehr toll. Das Leiden ist schon fast wieder vergessen, aber zumindest kann ich jetzt gezielt trainieren, dass ich das nächste Mal nicht halb hyperventilier. Daher schaffst du das auch locker – spätestens nach dem Karwendelmarsch 🙂 Oder ich besuch dich wirklich mal oben in Nürnberg und wir erobern die fränkische Schweiz, ich wär sofort dabei!

  2. Wir sind ja erstaunlich gut davongekommen Oo Ob das jetzt am Sauerstoffmangel liegt oder an Johns betörenden Gesang sei mal dahingestellt aber nochmal daumenhoch an den einzigsten Menschen auf der Welt der sich getraut hat (zweimal) bei uns mitzufahren 🙂

    • Ich glaub beides – die Kombi hat’s eben gemacht. Aber ich hab mich ja gerächt, dem John hat mein Singen allerdings wohl weniger ausgemacht als dir 😉
      Jetzt bin ich mal fleißig am trainieren, dass der nächste Berg mit euch etwas lockerer wird – freu mich schon drauf! Und cool, dass ihr mich Noob dabei hattet!

      • Ich musst mir ja auch eure höllischen Harmonien gönnen ! Hört sich gut an knapp 4 Monate hast Zeit bis die Kehlsteinstraße ihre Pforten zum Schnitzelhimmel öffnet 🙂

  3. Waaaah!!! Diese Bilder… einfach Geilo!! Das Salzburger Land nennt sich nicht umsonst Rennradregion. War dort zu den Eddy Merckx Classics und war schon begeistert … aber diese Bilder, bei Schnee. Ach ja! Toll toll toll

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