Bikefitting im Radlabor München: Was ein Profi-Blick, ein paar Zentimeter mehr und ein bisschen Vermessen ausmachen können

„Ja hallo, ich hätte da einen Termin. Zum Bikefitting. Genau, ich wart da drüben.“ Mitsamt Fahrrad und Rucksack nehm auf einer kleinen Bank Platz. Mein Rad bekommt noch einen Fahrradständer, damit es sich neben ein anderes Rad, ein Mountainbike, gesellen kann. Die zwei Bikefitter unterhalten sich gerade mit einem Kunden am PC, die Auswertung der Ergebnisse steht wohl an. Ich höre Worte wie „Triathlon“, „Bestzeit“, „Training“ und „ne so wird das nix“. Ein Triathlet, soso. Ich lasse meinen Blick durch den großen hohen Raum wandern, ein paar Kappen hängen an der einen Wand, eine Kaffeemaschine steht da hinten und ein großes Laufband in der rechten Ecke. Auf dem Tisch liegen Radmagazine, die RennRad ist da nicht dabei. Der junge Kollege kommt dann rasch zu mir, fragt nach meinem Getränkewunsch und mit meinem Wasser gurgel ich dann fröhlich wartend umher. Ich bin bei Radlabor in München.

IMGP2901

IMGP2857 IMGP2859

 

Bikefitting. So richtig von Profis. Der Preis ist mir schon fast wieder zu hoch, vor allem da keine Pedalanpassung stattfindet. 110,- Euro zahle ich also für das reine Anpassen von Sattel, Lenker und Sattelhöhe. Okay. Ob sich der Preis lohnt? Das lässt sich nur am Ende sagen und das ist eigentlich auch Mist. Ob sich das Bikefitting gelohnt hat, richtig war und die Bikefitter keinen Mist gebaut haben, das sagt mir mein Körper nach ein paar Ausfahrten. Spätestens wenn der Rücken verkrampft oder die Arme abfallen. Dann ist das vielleicht ein Zeichen dafür, dass irgendwie schief gelaufen ist. Aber das sind wirklich Profis: Radlabor. Und deswegen bin ich neugierig, was die so aus meinem Fahrrad zaubern. Das was ich mache, heißt offiziell Sitzpositionsanalyse und zwar mach ich davon die „Basic“-Version.

IMGP2898

IMGP2924 IMGP2882

Der Bikefitter (oder Sitzpositionsanalystenmenschen) stellt sich vor, nachdem der hektisch wirkende Triathlet aus dem Laden ist. Pascal wird sich heute mein Radl anschauen und es für unsere Beziehung perfekt hindrehen. Er, Pascal, ist selber eher MTBler und sehnt sich ab und an nach richtiger Action. Aber wie das so bei manchen MTBlern ist, macht manchmal eine Verletzung einen Strich durch die Rechnung. Daher ist für ihn erstmal Pause angesagt, was das Downhillbrettern betrifft und Vollgas, was das Bikefitten betrifft. Sein Praktikant hilft ihm dabei aktiv, seit einer Woche ist er im Radlabor-Team dabei.

IMGP2868 IMGP2870

Ich werde erst einmal vermessen. Hoffe arg, dass ich keine dummen Kommentare bezüglich meiner kurzen Haxen bekomme – Canyon hat das bei der Vermessung vor Ort so freundlich gesagt. Also wie groß bin ich? Genau, so und so groß. Und dann ist mein Canyon Roadlite dran. Das wird allerdings hochtechnologisiert vermessen und am Display starren die zwei Jungs auf die Zahlen. Die liebe Technik eben. Ich blicke kritisch drein, wenn wenn meinem Schatz etwas passiert, dann geht die Post ab. Aber die Jungs, die machen das gut.

IMGP2887 IMGP2890 IMGP2909

Nachdem das erledigt ist und wir wissen, wie groß die Kirsche und wie groß das Roadlite ist, wird die Zusammenarbeit angeschaut. Also Hinterrad raus und ab auf die Rolle. Mutig kraxel ich in Radklamotten drauf, dass man sich vorher sportgerecht umzieht ist ein Muss. Schließlich verwendet man das Rad ja auch für, nun ja, Sport. Also eingeklickt und losgehaxelt. Während ich also (das erste Mal) auf der Rolle bin schaut Pascal kritisch. Von vorne, links, rechts, oben und unten (okay, nicht ganz). Dann stellt er sich hinter mich und zählt meine Wirbel an der Wirbelsäule. Und ich merke: Der Junge hat Massage-Potenzial. Und zwar so extrem, dass ich fast vergesse weiter zu treten. Pascal, werde Masseur. Ich würde gern dein Übungsopfer sein wollen.

IMGP2908

Ich kann mein Schnurren noch gerade unterdrücken – oder doch eher genüssliches Sabbern – als mir Pascal mitteilt, dass ich schief auf dem Rad hocke. Das stimmt, meine rechte Schulter ist auch ein paar wenige Zentimeter weiter oben als die linke. Skoliose, ganz ganz leichte, die mir als Teenager dann immer mehr Schmerzen verursacht hat, sodass ich kein Volleyball mehr spielen durfte und auch beim Laufen Krämpfe im Schulter/Rücken-Bereich bekomme. Aber beim Radeln ist alles gut und meine leicht schiefe Haltung schadet dem Rest nicht. Ach wie schön. Am Knie fängt er dann mit einem Winkelmesser rumzumachen, er checkt den Winkel den ich beim Treten erzeuge – gut, schlecht, mies?

Nach ein paar kritischen Blicken muss ich absteigen. Es geht dann nämlich ans Eingemachte: Das Fitting. Die Sattelhöhe wird verstellt und ich frage vorsichtig, ob das denn möglich ist. „Ja, sogar echt viel! Ich mach dir das jetzt 3,2cm höher! Da denk ich, dass der Winkel für dich am besten wäre.“ Ich stutze. 3,2cm? Höher? Ich kleiner Gnom? Innerlich lache ich hysterisch, denn ich freu mich den Jungs zu zeigen, wie ich mit 3,2cm mehr Höhe alles andere als gut radeln kann. Und nicht nur die Höhe, auch die Position des Sattels wird verändert und geneigt. Vom Sattel dann weiter zum Lenker, wird dieser nach oben gerichtet. Ich steh da, in Radlklamotten und betreibe Kaffeeplausch. Mach mir Sorgen um’s Rad. Und dann, dann zweifle ich an meiner Selbsteinschätzung.

IMGP2902 IMGP2918

Denn kaum sitze ich auf dem Rad merke ich, dass ich radeln kann. Ungewohnt, die Beine strecken sich und die Hüfte bewegt sich, aber ich kann fahren. Seh ich mich kleiner als ich bin? Haben meine Kontaktlinsen Beulen drin? „Da wirst du dich aber noch dran gewöhnen müssen, das Bewegen der Hüfte ist natürlich – das ganz statische Sitzen auf dem Rad ist sowieso nicht gesund, dafür müsste der Sattel viel niedriger sein. Damit macht das Radfahren dann aber bald kein Spaß mehr.“ Ich bin immer noch unsicher. „Das muss wirklich so hoch sein?“ Pascal nickt, wahrscheinlich ist das das 18. Mal an diesem Tag, dass ein Kunde verdutzt auf dem „zu hohen“ Rad strampelt und ihm versichert, bald und in nächster Nähe katastrophal zu stürzen. „Wichtig ist, dass du damit fährst. Ein paar Mal längere Strecken oder Touren, damit du dann auch wirklich merkst, ob das passt und wie dein Körper damit umgeht. Wenn’s dann immer noch nicht passt kommst du einfach nochmal, dafür sind wir ja da. Es muss ja passen am Ende.“ Cool.

Mein Problem des schmerzenden Intimbereichs spreche ich auch an. Nach langen Touren, ca. 80-100km, tut das scheußlich weh. Da hilft ja auch keine Chamois-Creme, anatomisch gebildete Menschen werden sofort wissen weshalb, und es ist nicht nur danach irre unangenehm, auch während des Fahrens können sich die Pforten der Hölle auftun. Rennposition war da nicht mehr möglich. Er meinte, dass mit der neuen Einstellung da etwas Abhilfe geschaffen wäre, aber ich müsse das testen. Ich wollte ihn schon anjammern, dass meine Ladyparts sicherlich keine Austestfahrten haben wollen, so wie es bereits schon weh tue, aber irgendwo wollte ich vor Männern dann auch nicht so rumjammern. Ich mein, welcher Typ diskutiert mit mir schon seinen in der Tight eingeklemmten Schniedel. Eben. Aber Männer, seid versichert, wenn ein Mädel sagt es tut weh da unten, dann stellt euch das vor wie … ja … wie ein wunder Arsch. Nur am Schniedel. Ach gott, ich lass das Thema einfach. Wir haben auf jeden Fall einen Sattel von SQlab ausprobiert, der ergonomisch geformt ist. Vorher noch kurz den Abstand der Beckenknochen ausmessen (lustiges Popowackeln auf Wellpapier) und dann die richtige Größe hernehmen. Und schlagartig war’s etwas besser.

IMGP2917 IMGP2921

Endlich rutschte ich nicht nach vorne, denn das war mein Problem. Eigentlich sitzt man auf den zwei Knochen hinten auf dem Sattel, aber ich rutschte immer vor und saß auf etwas anderem. Und ständig musste ich mich zurechtrücken, ständig landete ich vorne. So ein schöner ergonomischer Sattel ist aber teuer, 150,00 Euro muss man dafür mindestens zahlen. Und da sprach der weise Pascal, dass man ausprobieren müsse. Es gibt nicht „den“ Sattel. Manche kommen mit dem härtesten Sattel überhaupt prima zurecht, andere schwören auf die durchgehende Freilassung in der Mitte und wiederum andere brauchen einen Sattel ohne hinteren Anstieg. Sein Tipp: Richtige Läden lassen den Sattel ein paar Mal ausprobieren. Kann man bei Radlabor auch machen, schließlich muss der ja passen.

IMGP2920 IMGP2922

Das Rad ist angepasst, also fertig. Nein, nicht ganz. Das Rad wird nochmal vermessen, um zu sehen, was jetzt – mit optimaler Sattelhöhe und -position noch verbesserungswürdig ist. Und siehe da: Ich bräuchte nun einen etwas längeren Vorbau, um ideal für meine Körpergröße zu radeln. Denn erst muss Hintern und Beine stimmen und dann die Streckung der Arme, basierend auf der Höhe und Einstellung des Sattels. Das mach ich aber ein anderes Mal, denn dafür braucht es einen neuen Vorbau. Ne, nicht die Brüste, sondern den Vorbau für’s Rad. Mindestens genauso schön. Das sag ich aber den Jungs nicht, sonst bin ich gleich ganz unten durch. Ich und meine Klappe.

IMGP2876 IMGP2878

Aber mein Fahrrad ist jetzt fertig. Bikefitting erfolgreich durchgeführt in etwas mehr als einer Stunde. Zusätzlich hab ich auch meine Unterlagen auch in einer Mappe erhalten. Online bin ich sowieso in deren Datenbank und kann da auf meine Daten zugreifen. Hier erhalte ich auch einen Reminder für Feedback des Bikefittings, ob noch alles passe und so. Find ich toll.

Noch toller allerdings finde ich, dass die 3,2cm mittlerweile absolut selbstverständlich sind, ich so bequem wie noch nie auf dem Rad sitze und ein neuer Sattel erstmal nicht notwendig ist. Was so ein bisschen Bikefitting alles ändert. Auch toll: Endlich hab ich keine wochenlang tauben Finger mehr vom Radeln und der schmerzende Intimbereich gehört fast der Vergangenheit an – nach 140km pocht allerdings auch der Nacken oder die Arme, das darf also.
Fazit:  110,- Euro, die sich wirklich gelohnt haben. Und wenn ich mal zu Geld komme, dann lass ich beim Radlabor auch noch einen Leistungstest machen sowie die Pedalen einstellen. Übrigens: Radlabor gibt es in Freiburg, München und Frankfurt.

IMGP2925 IMGP2927

Ich kann das Radlabor daher allen, die ein Bikefitting machen wollen oder sich überlegen, das mal zu machen, nur ans Herz legen. Nette Betreuung, gutes Know-How und ein ordentlicher After-Service. So muss das sein und ich komme gerne wieder. Vielen Dank Jungs!

6 Antworten zu “Bikefitting im Radlabor München: Was ein Profi-Blick, ein paar Zentimeter mehr und ein bisschen Vermessen ausmachen können

  1. darf ich nach schrittlänge und sitzhöhe fragen? ich hab 86 cm schrittlänge und sitze auf ca. 74 cm (sattel – mitte tretlager). wie hast du vor dem fitting die sitzhöhe eingestellt? formeln? gefühl? jemand anderer?

    p.s. nachdem das thema mann und rennradsättel schon relativ alt ist (gibt schon vielerlei produktentwicklungen, berichte, analysen,…) dürftest Du diesbezüglich eine pionierin sein…

    • Da muss ich die Unterlagen noch rauskramen, moment *kram*
      Innenbeinlänge: 76,9cm
      Unterschenkellänge: 43,2
      Sitzhöhe: 64,6 und jetzt 67,8cm

      Vorher war’s nach Gefühl, mit Hilfe der Videos und Ratgeber, die man online so findet. Aber man traut sich dann doch nicht so hoch einzustellen, dass das erste mal sitzen komisch ist. Da nimmt man sofort an, es wäre zu hoch.

      Das glaub ich, für Frauen gibt’s da noch wenig zum Thema Sattel und Radeln. Man findet schon etwas, aber es gibt nun einmal mehr männliche Rennradler als weibliche. Entsprechend auch weniger Infos. Wenn ich es mal schaffe, dann teste ich einen neuen Sattel 🙂

      • danke für deine antwort… mir kommt vor, sämtliche „fitter“ stellen eine relativ hohe position ein. die „alte“ schule riet eher zu tieferem sitzen… interessant. freu‘ mich auf einen blog-beitrag über deine erfahrungen mit der neuen position 😉

      • Ich glaube am Ende ist die richtige Sitzposition die, in der man selbst keine Beschwerden hat. Aber für mich ist die neue Position sehr gut, kann mich nicht beschweren und bin ganz happy keine tauben Finger mehr zu haben 🙂

  2. Pingback: Canyon Roadlite AL: Einsteigermodell par excellence | Rock The Road, Jack·

  3. Pingback: Mein Canyon Roadlite AL und warum ich das nicht mehr hergeben werde | RunningCherry·

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s