Laufen geht mit dem Kopf, alles andere kommt von selbst. Oder?

„Weißte, das Laufen, das funktioniert im Kopf. Also du musst das wollen und im Kopf für dich entscheiden, sonst kannst du noch so trainiert sein, aber du schaffst nichts.“ So summiere ich einmal das auf, was ich immer wieder höre, lese und auch erlebe. Und irgendwie bin ich da einfach ein zwiegespaltener Mensch, ich nicke einerseits und schüttel gleichzeitig den Kopf. Schaut ziemlich belämmert aus und verursacht mir eher Kopfschmerzen, jagt meinem Gesprächspartner Angst ein und ich fürchte, ich könnte große Ähnlichkeiten mit „The Exorcism of Emelie Rose“ aufweisen. Nun, meine Haut und Zähne sind gepflegt, daran kann’s schon mal nicht liegen.

Gut. Mal abgesehen von meinen exzellenten Zombie-Fähigkeiten was die authentischen Bewegungen betrifft, kann ich auch laufen. Ich laufe allerdings keine schnellen Zeiten, die 5km schaffe ich nicht unter 25 Minuten und meinen einzigen offiziellen Halbmarathon habe ich mit etwas über 2 Stunden gemeistert. Ich bin kein Lauftalent, habe beim Zugspitz Basetrail nicht überraschende Leistung gezeigt und beim Karwendelmarsch war das Beißen gefühlte 85% der 9 Stunden. Mein Körper ist zu schwer, meine Lunge zu klein, meine Ausdauer verschwindend gering.

Und trotzdem laufe ich. Mir blüht keine Karriere als Superläufer, Treppchen werde ich nur besteigen, wenn ich zu mir in den 3. Stock will, und ich werde immer schnaufen wie kurz vorm Schnappatmungstod. Das Trail Magazin hat in einer Ausgabe eine sehr schlanke junge Läuferin so beschrieben, dass sie „eine perfekte Läuferfigur“ hat. Gut zu wissen, dass Läuferbeine die Hälfte meiner Waden sein sollen.

Aber wieviele gibt es da draußen, die alle eine Läuferfigur haben und nicht laufen? Deren Lungen ideal für das Laufen gemacht wären, die jedoch lieber WoW die Nacht durchzocken? Ist es besser 10km verzweifelt durchzuhecheln, anstatt auf dem Sofa durch das TV-Programm zu zocken und sich zu denken „Irgendwann werd ich auch mal was schaffen!“ – ist es wirklich besser? Wenn mein Körper zu schwer ist für die ideale Läuferfigur, dann wird das Daheimbleiben und Jammern darüber, nicht für’s Laufen gemacht zu sein, niemals etwas daran ändern.Unknown-5

Wir werden nicht eines Tages aufwachen, uns einen Tee machen und auf einmal sowas wie Kondition haben. „Huch, die war gestern aber noch nicht da.“ Es gibt solche, die eine 1:30-Halbmarathon-Zeit aus dem Ärmel schütteln. Es gibt solche, die niemals einen Halbmarathon laufen werden. Es gibt solche, die mit hartem Training in 3 Stunden die knappen 22km bewältigen. Kondition ist unterschiedlich, Körperbeschaffenheiten sind unterschiedlich, Grundlagen sind unterschiedlich. Aber warum sollte das ein Grund sein, nicht etwas zu machen, zu starten, zu erreichen?

Die Entscheidung, etwas zu machen, fällen wir im Kopf. Wenn wir im Kopf sagen „Ich lauf das Ding jetzt“ dann laufen wir auch das Ding. Wir merken, dass wir mit uns selbst diskutieren, wenn wir unterwegs sind. Man ist müde, Laufen ist anstrengend, es ist kalt, heiß, windig oder naß und man atmet so seltsam. Je nachdem wie stark wir im Kopfe sind, werden wir die Diskussion mit uns selbst recht schnell beenden. „Meine Güte, halt die Klappe du Jammerlappen. Du ziehst das jetzt durch!“ Wenn uns aber Kraft fehlt, nicht die in den Beinen, sondern die, die wir brauchen, um standhaft zu bleiben, dann kann es gut sein, dass wir einer Gehpause, einer kürzeren Strecke oder einem langsameren Tempo zustimmen.

Mit der Kraft, die wir für Entscheidungen brauchen, ist das so ein Ding. Sie kann schwinden, wenn wir diese Kraft für andere Dinge im Leben brauchen. Sie kann steigen, wenn wir besonders viel Stress haben. Sie kann ungeahnte Höhen erreichen, wenn wir uns für ein Ziel entscheiden – Marathon, Ultralauf, 5kg abnehmen oder eine bestimmte Zeit. Aber auch genau anders rum, denn das „Müssen“ kann das „Wollen“ lähmen. Jeder ist anders, perfekt ist nichts davon – außer natürlich die Situation, in der man glücklich ist. Und die muss man finden.

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Der Wille, der einen dazu bringt weiterzulaufen, egal ob man auf den Vorderarmen die Strecke entlang robbt oder halluzinierend dem nicht-vorhandenen Getränkestand entgegen wabbelt, dieser Wille wächst. Stolz, Bestätigung, das Gefühl nach dem Laufen, Erfolge, kleine kostbare Momente alleine im Wald während die Sonne durch die rauschenden Baumwipfel glitzert… Das ist mein Brennstoff. Zu sehen, dass ich etwas geschafft habe, nun anstatt 5km sogar 50km laufen kann, mich stundenlang verlieren kann und nach einem Lauf die Welt in meinem Kopf ein Stückchen besser ist.

Ich bin immer noch nicht besser, aber warum will ich das eigentlich werden? Manche bleiben bei ihren 10km Läufen, manchen reichen zwei schöne 5km Läufe mit dem Hund, andere jagen am Wochenende stundenlang durch die Gegend, bis die Beine brennen. Warum? Weil es für sie das ist, was sie wollen und damit können. Manchmal muss man sich daran erinnern, man ist ja immer gerne ein bisschen vergesslich. Ich möchte draußen sein, mich vergessen, abschalten und mich frei fühlen. Das kann ich nur, wenn ich eine Kondition habe, die mir das stundenlange Laufen erlaubt. Und die muss ich mir hart und Stückchen für Stückchen erarbeiten. Ich laufe nicht für’s Treppchen, nehm‘ Gewichtsabnahme gerne als relativ coolen Nebeneffekt mit und werde immer etwas mehr kämpfen müssen, um durchzukommen, als andere. Aber ich weiß warum ich laufe und das ist das, was meine Beine dann noch einen Kilometer weiter trägt.

4 Antworten zu “Laufen geht mit dem Kopf, alles andere kommt von selbst. Oder?

  1. Die Lösung Deines Problems lautet schlicht und ergreifend: Training.

    Ein strukturiertes Training sieht auch eben nicht vor, mal eben aus der kalten Hose 50km zu Laufen. Den das wirft Dich mehr zurück, als das es Dir hilft.

    Kondition, Kraft und Ausdauer sollten an erster Stelle stehen. Die Geschwindigkeit kommt von ganz alleine.

  2. Pingback: herbstlicher morgenlauf mit schweinehund (nein, nicht chili) | wat löpt, dat löpt.·

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