Wenn ich vom Laufen träume

Wenn ich vom Laufen träume, dann träume ich nicht von siegreichen Wettkämpfen, von absoluten Bestzeiten, von Strecken in entfernten Ländern. Ich träume auch nicht von Gruppenläufen, von Stadioneinläufen, von magischen Kilometergrenzen, die ich knacke. Keine Träume von Weltrekorden, 200km-Strecken oder 3er Pace. Meine Träume vom Laufen sind so simpel, dass man eigentlich denkt, dass das Träumen eben darüber doch garnicht erst das Verschwenden von Traumzeit wert ist. So einfach gestrickte Träume vom Laufen sind doch eigentlich keine Erwähnung wert oder sollten in Erinnerung bleiben. Denn gefühlt sind 99,9% aller Träume, die ich bisher hatte in den unendlichen Windungen meines Gedächtnis verschwunden und versunken. Einerseits bin ich überaus froh darüber, manche Träume möchte man nie wieder haben und erst recht nicht daran erinnert werden. Andererseits habe ich in meinen Traumwelten Abenteuer bewältigt, Menschen zur Rede gestellt, Monster bekämpft, Welten entdeckt und vieles mehr. Hätte ich keine Träume gehabt, wie würde es mir jetzt wohl ergehen? Träume haben aber auch Talent die tiefsten Sehnsüchte, egal ob sie omnipräsent sind oder nicht, herauszukramen und uns in Farbe und mit Ton zu präsentieren. Deswegen träume ich von meinem Ex, einerseits wünschend er möge bald krepieren und andererseits träumend, er liebe mich tatsächlich. Aber jedes Mal wenn ich vom Laufen träume weckt das andere Sehnsüchte und löst fast vergessene Glücksmomente aus, die ich aus Gründen nicht realisieren kann.

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Ich laufe. Soviel ist klar. Aber ich laufe nicht wie sonst. Ich laufe draußen, im Wald. Ich laufe auf verschneiten Trails, ich laufe auf hellgrünen Waldwegen, die sich durch Heidelbeerfelder schmiegen, ich laufe auf nach Harz duftenden und leicht federnden Waldboden, ich laufe auf rhythmisch unter meinen Füßen knisternden Schotterwegen. Meine Schuhe saugen sich mit Wasser voll, weil ich durch einen Bach laufe oder beim prasselnden Regen im Wald bin. Ich finde neue Wege, neue Trails, neue Strecken und weiß nicht wo ich bin, was mich aber mit Glück durchflutet. Die Strecke ist mir vertraut, es ist teilweise Erlangen – der Reichwald oder die Kiefernwälder im Nordwesten. Es ist aber auch die Gegend bei Salzburg, bei Golling, bei Teisendorf. Es ist irgendwie alles, vertraut und doch fremd.

Ich laufe. Mit einer Leichtigkeit, die mein halbwaches logisches Hirn mit viel Training und Übung erklärt. Mein Ich, das durch die Gegend läuft, das Knacken eines Zweiges unter dem Fuß spürt und den Nebel, das erklärt die Leichtigkeit einfach so, dass eben dies das Laufen ist, das ich liebe. Atemwolken steigen auf, ich atme tief und im Takt, vergesse vieles und alles und nichts und laufe einfach weiter. Das Abschalten und das Nachdenken, das gleichzeitig geschieht – ich träume es. Um mich herum ist Frost auf den Wiesen, die Nase ist etwas kalt. Oftmals liegt der Wald auch im Nebel dar, die vielfarbigen Kiefern zaubern ein zartes Muster soweit das Auge erkennt. Sonnenstrahlen tanzen durch die Bäume, tauchen die sandigen Wege in helles, goldenes Licht. Leichtigkeit folgt mir, während ich ein Fuß vor den anderen setze, fast automatisch wäre da nicht ab und an der Wunsch die Richtung zu wechseln, doch rechts abzubiegen oder über einen Stock zu springen.

Ich laufe. Einfach weiter, denn schaden kann es mir nicht. Müdigkeit spüre ich minimal, aber das Gefühl der Leichtigkeit und des Wegseins ist überwältigend. Ich laufe in meiner Vergangenheit, vermisse meine täglichen Läufe mit einer Sehnsucht, dass ich mich frage, ob das wirklich das Laufen ist was ich vermisse. Irgendwie schon, ja. Irgendwie aber auch die Zeit damals. Irgendwie den Wald um die Ecke. Irgendwie die Motivation einfach rauszugehen und über gefrorene Wiesen in der Dunkelheit dem Sonnenaufgang entgegen zu laufen. Irgendwie laufe ich in der Vergangenheit und im Jetzt. Es hat die besten Sachen aus der Vergangenheit in einem Traumlauf zusammengefasst. Und noch mehr. Wo ich wäre, würde ich weiterhin laufen. Wie ich wäre, wenn ich täglich meinen Tag mit einem 5km-Lauf begrüßen würde. Was für Momente ich erleben würde, wenn ich von der Arbeit nach Hause laufen würde oder am Wochenende der Isar nach Wolfratshausen folge.

Ich laufe. Dabei laufe ich nicht. Ich vermisse das Laufen so sehr, aber laufe dennoch nicht. Ich könnte jeden Moment wieder laufen und habe dennoch so sehr Angst davor. Einmal bin ich mit Kilian Jornet gelaufen und als ich aufgewacht bin, musste ich hysterisch grinsen. Meine Träume sind nicht realistisch, ein Jornet-Level ist eine utopische Vorstellung, aber das erste Mal hatte ich bei einem Lauf mit einem anderen Menschen Freude daran. Wohl auch, weil ich nicht halb dabei drauf gegangen bin. Denn im Traum, bin ich fit und meine Lungen atmen anstatt wie eine startende Dampflokomotive zu klingen. Ich habe Angst vorm Laufen und gleichzeitig möchte ich jetzt sofort raus zum Laufen. Ich habe Angst davor wieder fünfzigtrillionen Blasen zu bekommen, abfallende Zehennägel zu zählen, wie eine unförmige Dampfwalze über die Gehwege zu walzen, fünf Kilometer lang einfach nur nach Luft zu schnappen oder nicht abschalten zu können, weil mich Straßen, Stadt, Lärm und Ampeln ablenken.

Deswegen träume ich wohl. Wie mein ideales Laufen so wäre. Wo es wäre. Warum es wäre. Und idiotischerweise ist das mitunter einer der Gründe, warum ich sehr gerne umziehen würde. Oder eine Zeitreise zurück machen möchte. Damals hatte ich Laufparadiese um mich rum, hätte ich sie nur mehr genutzt. Hätte hätte Fahrradkette. Letzteres konnte da auch perfekt gefahren werden, egal ob Rennrad oder Cross. Aber ein Umzug mit der Begründung „Damit ich endlich frei laufen kann!“ ist minimal unsinnig. Ich möchte lieber wissen, was die nächsten ein bis zwei Jahre so passiert, dann treffe ich meine Entscheidung wohin die Reise denn geht. Solange werde ich wohl weiterhin vom Laufen träumen. Oder mit etwas Glück anfangen meine Träume zu laufen, ich muss ja sehr klein anfangen, um dann 20 Kilometer im Wald dann überhaupt zu schaffen, nicht wahr?

4 Antworten zu “Wenn ich vom Laufen träume

  1. Ich glaube es ist weniger das Schnaufen sondern, das Unwohlsein was man damit verbindet. Völlig zugelaufene Beine, Schwächegefühl, die Gewissheit das Tempo nicht halten zu können o.ä..
    Vielleicht machst du dir zu viel Druck, dass du umbedingt eine bestimmte Strecke durchlaufen willst und dies gefälligst mit Leichtigkeit und ohne große Anstrengung.
    Um wieder reinzukommen könntest du irgendwo hinfahren wo’s schön ist, dort in Laufklamotten wandern gehn und immer wenn dir danach ist ein bißchen laufen.
    Wen das zu umständlich oder langweilig ist, wähl die Laufstrecke und das Tempo so, dass du danch das gefühl hast die gleiche Strecke noch mal laufen zu können.
    Du kannst ja auch das Fahrrad nehmen um zu schöneren Laufstrecken zu kommen…

    • Druck mach ich mir nie, ich mag Druck auch nicht, daher lauf ich so selten bei Wettkämpfen und stufe mich automatisch ganz unten ein. Ich will ja einfach nur laufen und abschalten. Deine Vorschläge: Alles schon durch 😉 Alles nicht das Laufen, das tagtäglich für mich machbar ist – daher träume ich einfach mal davon und irgendwann hab ich wieder einen Wald um die Ecke. Radfahren ist grad eh schöner!

  2. All das was du schreibst ist so wahr…aber eben auch ein Stück Arbeit. Ich selbst träume nachts tatsächlich manchmal auch vom Laufen und erst nach bestimmt 4 Jahren bin ich an einem Punkt des Laufens angekommen, an dem ich die Angst davor verloren habe. Ich weiß auch nicht recht, wie ich das näher beschreiben soll, bin mir aber sicher, dass du weißt was ich meine.
    Die Angst ist eine Kombination aus, „wie weit werde ich es heute schaffen“, „Wo bin ich“ und „werde ich meine Ziele erreichen“. Das alles ist viel besser geworden – erst heute habe ich genau das gedacht und das hat mir in diesem Moment Flügel verliehen, weil ich merkte, dass 20 Kilometer in freier Wildbahn etwas sind, was ich mittlerweile unter absolut machbar verbuchen kann.
    Man muss es einfach tun, einfach loslaufen. Wenn ich nicht weiß ob ich den Berg noch packe, dann würde es mich depressiv stimmen diese Angst zuzulassen.
    Ich laufe oft alleine und nicht immer ist es so federnd leicht und luftig wie man sich das so zusammen träumt. Aber diese Momente gibt es, erst heute hatte ich sie wieder zuhauf, obwohl es schüttete und alles voller Schneematsch war und ich von dem Lauf gestern noch an einigem zu knabbern hatte.
    Ich fühle mich so zufrieden, wenn ich 5-6 Mal die Woche laufe. Ich dachte ich wäre auch mit weniger glücklich, aber ich musste feststellen, dass dies dem Stress des Alltags nicht mehr aufwiegt. Ich weiß wie großartig ich mich nach fast jedem Lauf fühle, deswegen riskiere ich es einfach regelmäßig aufs neue. Das würde ich dir auch raten. Weniger nachdenken, mehr loslaufen. Und wenn du um des Laufens Willens umziehen möchtest – ich finde das ist keine Schande. Ich glaube ich würde auch so fühlen. Glücklicherweise habe ich den Taunus direkt vor der Tür, das war aber nicht immer so.

    Wünsche dir ganz viel Motivation 🙂

    • Danke dir – irgendwann erfolgt dann schon der Umzug. Aber freut mich, dass du dich in der Beschreibung ein bisschen wiederfinden kannst.
      Federleicht war es noch nie, weil ich dann wenn es eben federleicht ist noch ein bisschen weiter oder schneller laufe. Aber das lerne ich auch noch, das Tempo zu halten 😉
      Ich bin auch immer losgelaufen, habe mir allerdings nie Gedanken gemacht wie du zu beschreibst. Ich dachte einfach „Ich will laufen“ und dann bin ich raus. Jetzt denke ich daran, dass ich mindestens 8 Kilometer laufen muss, um ins Grüne zu kommen und 4 Kilometer davon an der stark befahrenen Landsbergerstraße sind inklusive Tunnel. Das versetzt mir immer einen Dämpfer und ich kann das schwer abstellen. Aber das ist okay, ich darf es ja vermissen und mich auf die Zeit freuen, in der ich wieder einfach so „draußen“ sein kann und einfach laufen kann. Ob das dann 5, 10 oder 20 Kilometer werden – egal. Lauf du einfach ein paar Kilometer jedesmal für mich mit, ich werde meine Laufliebe nicht erzwingen. Gutes braucht auch einmal eine Pause und wenn es sein soll, dann schlägt die Laufliebe auch in der Stadt mal zu 😉
      Diese Angst hatte ich glaube ich ganz am Anfang, bis ich mich einfach getraut habe und verstand, dass ich keine Grenzen habe. Nun, das erklärt wohl warum ich Ultras mache, aber es bedeutet auch Freiheit. Oder? 🙂
      Alles Liebe!

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