Das Müssen, das Wollen, das Dürfen – Wenn wir das alles selbst in die Hand nehmen

„Ich muss dann heut abend noch eine Runde laufen gehen.“ – „Du musst?“ – „Mhja, sonst wird das mit dem Marathon ja nix.“ – „Aber warum musst du denn? Das klingt ja schrecklich, damit macht das doch kein Spaß mehr, mit diesem Müssen.“ – „Nein, du verstehst nicht: Ich will das müssen.“

Manche haben das schon gehabt, manche haben das noch immer, andere wiederum haben das nie. Diese Diskussionen, die Selbstgespräche, die Überlegungen, die Anekdoten ich unsagbar klugen Büchern über den Weg zum Glück und wieder zurück. Die Tatsache, dass wir im Leben rein garnichts müssen, sondern eigentlich nur dürfen und am besten wollen sollen, die ist uns meistens präsent. Genauso präsent, wie die Tatsache, dass ein Glas Nutella sicherlich nicht beim Traumgewicht helfen wird oder den Wecker ausschalten nicht besonders klug unter der Woche ist oder das Rausnehmen der Banane aus dem Rucksack lieber jetzt als nächste Woche gemacht wird. Wir wissen das, tief da innen. Neben dem Dickdarm oder hinten bei der Niere. Wir müssen n Scheiß.

Und eben weil wir „n Scheiß“ müssen, wollen wir müssen. Wir müssen nämlich nicht körperliche Schwerstarbeit leisten. Wir müssen nicht an Essen sparen oder müssen bestimmte grundlegende Lebensmittel als Luxus ansehen. Wir müssen abends nicht die Muskeln spüren, den Rücken strecken, die Beine lockern, die Blasen zählen. Wir müssen nicht mit dem Rad irgendwo hin fahren, um jemanden zu besuchen oder etwas zu kaufen. Wir müssen nicht den Sommer auskosten, weil die Sonne eben nur einmal im Jahr so warm scheint. Wir müssen nichts. Wir können alles, sollen vieles und wissen oftmals nicht mehr, was wir eigentlich wollen.

Was wollen wir, was müssen wir? Und irgendwann wollen wir müssen. Raus aus der Komfortzone, aus dem warmen Etwas, dem langweiligen Dahingesieche, dem Leben fremder Leben im TV, weg von dem Volldröhnen mit Inhalten zurückgebliebener realitätsgeifernder Hippies und weg von dem wischiwaschi mit dermatologisch getesteten Handschuhen ausgestatteten Leben und hin zum Hier und Jetzt. Hin zu der Realität, die knallhart ist, Forderungen stellt und diese immer wieder erhöht. Hin zu dem Leben, das man selbst in der Hand hat und das einen fordert. Hin zu einem Ich, das schmerzende Muskeln hat, kalte Füße, zerzaustes Haar, knallrote Wangen, zuwenig Schlaf bekommen und zuviel Geld ausgegeben hat.

Das larifari-Leben sagt einem nie, dass man muss. Das „müssen“ sagen wir uns selbst. Immer und immer und immer wieder. Ich muss aufstehen. Ich muss duschen. Ich muss dünn sein. Ich muss ein Sixpack haben. Ich muss Karriere machen. Ich muss eine Familie haben. Ich muss heiraten. Ich muss mich gesund ernähren. Ich muss sportlich aktiv sein. Ich muss mich von der Gesellschaft abheben. Ich muss besonders sein. Ich muss lieben. Ich muss geliebt werden. Ich muss muss muss. Und was wollen wir? Das, was wir uns sagen, dass wir müssen, das klingt wie eine Liste von Dingen, die einen Durchschnittsmenschen in der westlichen Welt ausmachen. Man hat komplett Europa befragt und das kam raus. Na dann, ich muss so sein. Die, die so sind, die sind glücklich. Und schlußendlich will ich das auch.

Und da ist es. Das Wollen. Am Ende wollen wir so simple und essentielle Dinge wie glücklich sein, zufrieden sein, etwas schaffen, sich selber treu bleiben, stolz sein oder frei sein. Das ist unser Wollen. Da wir aber gerade in einer Gesellschaft, in einer Welt herumschwimmen, in der wir mit Dingen wie beständiger Reizüberflutung, sehr hohem Wohlstand, nicht vorhandenen Mangel an Dingen und wachsendem Konsum leben, ist das Müssen irgendwie präsenter. Natürlich wollen wir Dinge, aber müssen wir die nicht auch? Wollen wir wirklich ein iphone 6 oder müssen wir das haben, weil wir sonst nicht mehr die Apps nutzen, über Social Media mit „Freunden“ schreiben und jederzeit erreichbar sein können – von der Definition des Prestigeobjekts mal ganz abgesehen? Ein schmaler Grat, dieses dämliche Wollen, Sollen, Müssen. Aber es ist da und es hat seinen Ursprung in der Gesellschaft, in der wir leben.

Weil diese ganze Art des „Müssen“ uns aber nicht zu dem bringt, was wir eigentlich wollen, brechen wir irgendwann aus. Nun ja, manche. Nicht alle. Einige sind ganz zurfrieden mit ihrer Welt, andere haben den Mut, Kraft, Gelegenheit und das Glück und brüllen irgendwann mal ganz laut „Stop!“ und halten sich selbst an. „Was um alles in der Welt mache ich denn hier? Hab ich sie noch alle?“ kann manchen durch den Kopf gehen. Und dann fängt man an sich zu trauen, zu fühlen was man will und wie man dieser Sache näher kommt. Frei sein geht in einer 1-Zimmer-Wohnung inmitten einer Stadt nicht so wirklich, also überlegen wir mal was man da machen könnte. Stolz sein kann man auf sich, wenn man sich mag, aber wann und wie mag ich mich mehr oder eher warum bin ich nicht stolz auf mich? Und so weiter und so fort. Jedem das seine, jeder tickt anders.

Aber wir entscheiden uns für eine Sache: das Müssen. Und hier ist der Unterschied bei diesem Müssen. Wir wollen es. Wir wollen es müssen abends noch eine Stunde laufen zu gehen. Wir wollen es müssen anstatt sinnlos fresssüchtig im Supermarkt alles mitzunehmen was geht, mit einem Einkaufsplan einzukaufen und den Zuckerhaushalt zu minimieren. Wir wollen es müssen früher aufzustehen als andere, weil man Schwimmen gehen, Zeichnen üben oder zum Nebenjob sprinten muss. Wir wollen es müssen eine Pause zu machen, weil man so einen fiesen Muskelkater nach dem Marathon hat. Wir möchten raus aus der Komfortzone, raus der Welt die einem nicht taugt und einem ein „Muss“ vorgibt, das einen in der Welt gefangen hält, die man nicht so prickelnd findet. Man trifft Entscheidungen, die nicht leicht sind – sonst hätte man sie ja schon längst getroffen.

Wir werden immer müssen. Wir werden uns immer etwas aufdiktieren lassen, wir werden immer gewisse Dinge tun, die wir nicht komplett selbstständig formen können. Aber wir können einen Großteil selbst bestimmen, wir können unser Leben selbst formen, eine Richtung geben, eine Geschmacksrichtung. Wir wollen ein Müssen haben, das wir auch irgendwie verstehen können, nachvollziehen können, lieben können.

Wir können das, was wir wollen, jederzeit angehen. Immer. Das ist etwas was wir dürfen, schließlich sind wir frei. Und da muss man doch dann einfach mal losleben, oder?

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